Ein fairer Lohn in der Pflege? Was wäre dann?
Ein fairer Lohn in der Pflege? Was wäre dann?Bild: © Evgeny Subbotsky | Dreamstime.com

Nehmen wir mal an, es tritt das ein, was sich die meisten Pflege­kräfte seit langem wünschen: Die Pflege wird fair bezahlt. Welche Auswir­kun­gen hätte diese Verän­de­rung auf den Pflege­be­ruf? Würden sich vielleicht durch einen fairen Lohn in der Pflege mehr Leute bewer­ben? Und wie teuer wird dann ein Heimplatz?

Diesen und weite­ren Fragen hat sich der Tages­schau Zukunfts-Podcast „mal angenom­men“ gewid­met und dazu auch mit einigen Exper­ten und Exper­tin­nen gespro­chen. Wir haben die wichtigs­ten Ergeb­nisse des Gedan­ken­ex­pe­ri­ments einmal zusammengefasst.

Was sollten Pflege­kräfte verdienen?

Ab wann sprechen wir überhaupt von einer fairen Bezah­lung? Sozio­lo­gin Ute Klammer von der Uni Duisburg hat sich diesem Thema schon einmal angenommen:

In den Unter­su­chun­gen wurden einzelne Berufe nach ihrer Gesamt­be­las­tung gerankt. Dabei stellte sich heraus, dass Pflege­kräfte ungefähr auf dem gleichen „Belas­tungs­le­vel“ liegen wie beispiels­weise Ingenieure.

Während Ingenieure eine lange Ausbil­dung hinter sich haben und zudem eine hohe Verant­wor­tung für ihre Maschi­nen tragen (dies wiegt im Ranking recht schwer), werden Pflege­kräfte vor allem durch die körper­li­che Anstren­gung und den psychi­schen Stress stark belastet.

Addiert man alle Fakto­ren, liegen beide Berufe im Ranking etwa gleich­auf. Im Schnitt erhält ein Ingenieur ein Einstiegs­ge­halt von rund 51.000 Euro pro Jahr, also etwas mehr als 4.000 Euro Brutto im Monat.

Setzt man Pflege­kräfte auf das gleiche Lohnle­vel wie Ingenieure, würden sie durch­schnitt­lich also um die Hälfte mehr verdie­nen als jetzt. In der Alten­pflege sei die Steige­rung sogar noch größer, sodass die Alten­pflege und Kranken­pflege etwa gleich­auf liegen würden.

Auch in diesem Szena­rio wären Hilfs­kräfte weiter­hin schlech­ter bezahlt. Jedoch würde auch ihr Gehalt im Vergleich zum jetzi­gen angeho­ben werden.

Bessere Bezah­lung gleich mehr Bewerber?

Es stellt sich jedoch die Frage, ob eine höhere Bezah­lung ausreicht, um mehr Menschen in den Pflege­be­ruf zu locken. Kranken­schwes­ter und ehema­lige Alten­pfle­ge­rin Kim Peters aus Hamburg glaubt, dass es mehr bräuchte, vor allem bessere Arbeitsbedingungen.

Ein höheres Gehalt verschaffe Pflege­kräf­ten zunächst einmal eine bessere Lebens­qua­li­tät. Es wäre zudem ein Zeichen höherer Wertschät­zung. Man dürfe schließ­lich nicht verges­sen, was Pflege­kräfte alles leisten, so Peters. Für die schwere Arbeit mit kranken oder hilfs­be­dürf­ti­gen Menschen würden Pflege­kräfte einfach zu wenig verdie­nen, es gehe schließ­lich auch um Menschenleben.

Würde die Belas­tung abneh­men, beispiels­weise durch mehr Perso­nal, würde die Arbeit viel angeneh­mer werden. Es gäbe weniger Druck und bessere Arbeits­zei­ten. Auch die soziale Ausgren­zung, die sich durch Wochen­end- und Feier­tags­ar­beit durch den Pflege­be­ruf zieht, würde abnehmen.

Es braucht also vor allem mehr Fachkräfte. Ob diese durch eine höhere Bezah­lung gewon­nen werden können, bezwei­felt Dr. Mona Granato vom Bundes­in­sti­tut für Berufs­bil­dung. Für junge Leute sei mehr Geld sicher­lich ein guter Anreiz, beson­ders für die, die sich eiget­lich sicher sind, in den Pflegeb­ruf zu wollen. Auch die Anzahl männli­cher Pflege­kräfte könne durch bessere Löhne steigen.

Daneben seien heutzu­tage jedoch noch andere Fakto­ren für die Berufs­wahl entschei­dend. Die soziale Anerken­nung zum Beispiel spiele aktuell bei der Berufs­wahl eine große Rolle: Was halten meine Eltern und Freunde wohl davon, wenn ich in der Pflege arbei­ten möchte?

Man müsse also auch das gesell­schaft­li­che Ansehen des Berufs erhöhen. Auch dies gelinge durch bessere Arbeits­be­din­gun­gen. Die Frage sei nur, wie lange es dauert, bis sich die Arbeits­si­tua­tion der Pflege­kräfte verbessert.

Ist das Prestige der Pflege hoch stellt sich zudem noch die Frage, ob auf der anderen Seite die Zahl der medizi­ni­schen Fachan­ge­stell­ten und Hilfs­kräfte bei nieder­ge­las­se­nen Ärzten und Ärztin­nen abneh­men würde, wenn sich mehr Leute für die Pflege entschei­den. Auch hier bräuchte es dann wohl Lohner­hö­hun­gen, um einem solchen Trend entge­gen­zu­wir­ken. Letzt­lich müssten Bezah­lung und Arbeits­be­din­gun­gen in beiden Berufs­fel­dern stimmen.

Woher käme das Geld?

Pro Kopf gibt Deutsch­land etwa 4.700 Euro im Jahr für Gesund­heit aus. Damit liegt Deutsch­land europa­weit auf Platz 1. Aller­dings gibt es in Deutsch­land auch das Problem der Überver­sor­gung. Nirgendwo werden so viele Hüft-Opera­tio­nen und Kernspin-Versor­gun­gen durch­ge­führt wie hier. Zudem stehen in Deutsch­land viele kleine, ländli­che Krankenhäuser.

Könne man nicht hier einspa­ren und das Geld dann in die Pflege stecken? Politisch sei dies nicht durch­setz­bar. Florian Lanz von der Gesetz­li­chen Kranken­ver­si­che­rung fehle die Fanta­sie, wo man im Gesund­heits­sys­tem so viel Geld zurück­le­gen könnte, dass sich von diesem Geld die Pflege­löhne ernst­haft verbes­sern würden.

Man bräuchte daher zusätz­li­ches Geld im System. Aus welchem Topf dies kommen soll sei egal. Letzt­lich müssten alle Bürger und Bürge­rin­nen dazu beitra­gen, zum Beispiel durch höhere Steuern.

Wie viel Geld bräuch­ten wir für eine fairen Lohn in der Pflege?

Für die aktuell 1,7 Millio­nen beschäf­tig­ten Pflege­kräfte in Deutsch­land wären laut Prof. Dr. Heinz Rothgang von der Uni Bremen knapp 5 Prozent der Gesamt­ge­sund­heits­aus­ga­ben von Nöten. Klingt wenig, bei Betrach­tung der Gesamt­aus­ga­ben in Höhe von 400 Milli­ar­den Euro, klingen 20 Milli­ar­den jedoch noch äußerst viel.

Die einfachste Lösung seien höhere Beitrags­sätze. Dies könne gerade in der Langzeit­pflege jedoch für Probleme sorgen. Die höheren Heimkos­ten bleiben letzt­end­lich an den Heimbe­woh­nern und Heimbe­woh­ne­rin­nen und deren Angehö­ri­gen hängen. Es bestehe die Gefahr, dass die Eigen­an­teile im Prinzip unbezahl­bar werden könnten, so Rothgang. Eine Finanz­re­form in der Pflege­ver­si­che­rung müsse zunächst vollzo­gen werden, damit die Perso­nal­kos­ten­stei­ge­rung nicht auf Kosten der Bewoh­ner und Bewoh­ne­rin­nen geht.

Geschieht dies nicht, so würden womög­lich mehr Leute daheim gepflegt werden, gestemmt von den eigenen Angehö­ri­gen oder mit Hilfe eines Pflege­diens­tes. Die familiä­ren Kapazi­tä­ten seien jedoch ebenfalls begrenzt, irgend­wann sei auch hier nichts mehr möglich. Schon jetzt seien deshalb etwa eine halbe Million auslän­di­scher Pflege­kräfte in der Heimpflege tätig.

Andere Länder als Vorreiter?

Betrach­tet man die Gesund­heits­sys­teme anderer Länder, so lassen sich hier einige gute Puzzle­teile für eine Verbes­se­rung der Pflege finden.

Dänemark setzt beispiels­weise bei Kranken­häu­sern auf Quali­tät statt Quanti­tät. Es gibt wenige Einrich­tun­gen, dafür dort aber viele Pflege­kräfte und bessere Arbeits­be­din­gun­gen. In der Alten­pflege können Angehö­rige stärker einge­bun­den und sogar in Kommu­nen angestellt werden.

Die Nieder­lande überzeu­gen schon länger mit dem Pflege­mo­dell Buurt­z­org. Hier haben ambulante Pflege­teams weniger bürokra­ti­sche Aufga­ben und dadurch mehr Zeit für ihre Patien­ten und Patientinnen.

In der Schweiz, den USA und Großbri­tan­nien gibt es die Pflege zudem als Studi­en­fach. Studierte Pflege­kräfte können anschlie­ßend ärztli­che Aufga­ben überneh­men und erhal­ten somit bessere Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten.

Jedoch bräuchte es auch hier weiter­hin Pflege­kräfte für die „schwere“ Arbeit am Menschen. Diese müssten ebenfalls besser bezahlt werden, womit wir wieder am Anfangs­sze­an­rio stehen.

Weitere Probleme – Gerwerk­schaft als Lichtblick?

Spätes­ten seit Beginn der Corona-Pande­mie ist das Thema um gerechte Löhne in der Pflege wohl releve­na­ter denn je. Es gab zwar einen Pflege­bo­nus und die Anerken­nung durch das Klatschen auf den Balko­nen. Viel mehr hat sich jedoch seitdem nicht getan.

Eigent­lich sind sich alle Akteure einig, dass die Pflege besser bezahlt werden muss. Eine angedachte Lösung ist kürzlich erst geschei­tert: Ein flächen­de­cken­der Tarif­ver­trag, der für höhere Löhne gesorgt hätte, wurde aus finan­zi­el­len Gründen von den Kirchen und Priva­ten abgelehnt. Die Mitstrei­ter konnten den Vertrag am Ende nicht durchsetzen.

Laut Prof. Dr. Heinz Rothgang seien Pflege­kräfte in einer guten Markt­po­si­tion. Würden sie sich besser organi­sie­ren, zum Beispiel per Gewerk­schaft statt „einem halben Duzend zerstrit­te­ner Berufs­ver­bände“, wäre wohl gerade bei priva­ten Einrich­tungs­trä­gern mehr möglich. Pflege­kräfte müssten demnach weiter Druck machen und für eine bessere Situa­tion kämpfen.

Der Druck nimmt druch den bundes­wei­ten Fachkräf­te­man­gel weiter zu. Es fehlen insge­samt 40.000 Pflege­kräfte. Durch Berufs­aus­stei­ger nach der Corona-Pande­mie und die Alterung der Gesell­schaft würde sich diese Zahl noch weiter erhöhen. Deshalb sei es wichti­ger denn je, gute Anreize für eine Beschäf­ti­gung in der Pflege zu schaffen.

Schafft man es, die Löhne in der Pflege zu erhöhen, werden womög­lich auch Beschäf­tigte in anderen Sekto­ren laut. Auch Köche und Köchin­nen, Lehrkräfte und Erzie­her und Erzie­he­rin­nen seien in Deutsch­land schlecht bezahlt, so Ute Klammer.

Fazit

Angenom­men: Wir befin­den uns in dem Zukunfts­sze­na­rio „Fairer Lohn in der Pflege“. Was dann?

Im schlech­tes­ten Fall:

  • Gibt es mehr Lohn, aber die Arbeits­be­din­gun­gen bleiben schlecht
  • Die Bewer­ber­zah­len bleiben niedrig und der Fachkräf­te­man­gel beständig
  • Die Kosten in der Pflege steigen und fallen den Bewoh­nern und Bewoh­ne­rin­nen und Familien zur Last. Es wird mehr zuhause gepflegt
  • Für Menschen, für die die Heimpflege alter­na­tiv­los ist, muss der Staat zuschie­ßen. Dies gelingt durch höhere Steuern

Im besten Fall:

  • Gibt es einen fairen Lohn
  • Pflege­kräfte arbei­ten deshalb lieber. Die gute Atmosphäre tut den Heimbe­woh­nern und Heimbe­woh­ne­rin­nen sowie den Kolle­gen und Kolle­gin­nen gut
  • Der Beruf ist attrak­ti­ver und angese­he­ner. Es bewer­ben sich mehr junge Leute
  • Pflege­kräfte können studie­ren und ärztli­che Aufga­ben überneh­men. Auch dies wirkt dem Perso­nal­man­gel entgegen
  • Durch die Organi­sa­tion in einer Gewerk­schaft könnten Pflege­kräfte ihre Situa­tion selbst verbes­sern. Die benötig­ten Kosten für die Pflege werden durch Erspar­nisse bei doppel­ten Unter­su­chun­gen oder kleinen Kranken­häu­sern mit getragen
  • Ein Steuer­zu­schuss ist weiter­hin nötig

Den komplet­ten Podcast gibt es in der Tages­schau-Media­thek und überall, wo es Podcasts gibt. Zur Folge geht es hier.

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Quelle: Tages­schau Zukunfts-Podcast „mal angenom­men“ vom 01.04.2021