Einer korrekten Befunderhebung kommt eine hohe Bedeutung zu. Kommt es zu einem Befunderhebungsfehler, führt dies potenziell zu einer Beweislastumkehr zuungunsten des Arztes.
Einer kor­rek­ten Befund­er­he­bung kommt eine hohe Bedeu­tung zu. Kommt es zu einem , führt dies poten­zi­ell zu einer Beweis­last­um­kehr zuun­guns­ten des Arz­tes.Pho­to 49538639 © Jovan­man­dic – Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Eine vermeintlich notwendige Operation

Der Pati­ent bemerk­te seit eini­gen Mona­ten immer wie­der, dass er ins­be­son­de­re abends Dop­pel­bil­der wahr­nahm, wobei das rech­te Auge näher abbil­de­te als das lin­ke Auge. Da ihn dies zuneh­mend stör­te, such­te er einen Augen­arzt auf. Die­ser dia­gnos­ti­zier­te eine epi­re­ti­na­le Glio­se des rech­ten Auges (Zel­len lagern sich auf der Netz­hau­t­ober­flä­che ab und bil­den dort eine Mem­bran) und riet zur OP. Nach der OP nahm der Pati­ent wei­ter­hin Dop­pel­bil­der mit Bild­grö­ßen­un­ter­schie­den wahr. Zusätz­lich kam es post­ope­ra­tiv zu einer aus­ge­präg­ten Sic­ca-Sym­pto­ma­tik (sog. tro­cke­nes Auge) sowie einem Ver­zerrts­e­hen.

Der Sach­ver­halt wur­de bei der ört­lich zustän­di­gen Schlich­tungs­stel­le medi­zi­nisch über­prüft. Der Gut­ach­ter stell­te fest, dass der Pati­ent aus­weis­lich der gefer­tig­ten OCT-Auf­nah­men tat­säch­lich rechts­sei­tig eine epi­re­ti­na­le Glio­se hat­te. Frag­lich war aber, ob die beschrie­be­nen Beschwer­den durch die­se auch wirk­lich ver­ur­sacht wur­den.

Der vom Pati­en­ten beschrie­be­ne Bild­grö­ßen­un­ter­schied war durch die Netz­haut­ver­än­de­rung erklär­bar. Anders aber sah es nach Auf­fas­sung des Gut­ach­ters bei der Wahr­neh­mung der Dop­pel­bil­der aus. Bin­o­ku­la­re Dop­pel­bil­der kön­nen zwar auch durch eine Netz­haut­ver­än­de­rung ent­ste­hen, wür­den aber mit einer deut­li­chen Seh­schär­fen­re­duk­ti­on und einem Ver­zerrts­e­hen ein­her­ge­hen. Bei dem Pati­en­ten lag jedoch nur ein leich­tes mono­ku­la­res Ver­zerrts­e­hen ohne Seh­stär­ken­re­duk­ti­on vor. Inso­fern hät­ten auch ande­re Ursa­chen dif­fe­ren­ti­al­dia­gnos­tisch in Betracht gezo­gen wer­den müs­sen, so vor allem ein Brecht­kraft­un­ter­schied bei­der Augen, eine Trü­bung der opti­schen Medi­en sowie eine Schiel­stel­lung. Die bei­den erst­ge­nann­ten mög­li­chen Ursa­chen lagen bei dem Pati­en­ten ein­deu­tig nicht vor. Eine mög­li­che Schiel­stel­lung ist jedoch nicht unter­sucht wor­den. Post­ope­ra­tiv wur­de eine sol­che dann aber fest­ge­stellt.

Der Gut­ach­ter hielt es nicht für unwahr­schein­lich, dass durch die epi­re­ti­na­le Glio­se die zuvor kom­pen­sier­te Schiel­stel­lung dekom­pen­siert wur­de. Prä­ope­ra­tiv hät­te der Augen­arzt eine mög­li­che Schiel­stel­lung des rech­ten Auges abklä­ren und sodann zunächst einen kon­ser­va­ti­ven Behand­lungs­ver­such mit­tels Pris­men­fo­li­en durch­füh­ren müs­sen. Gege­be­nen­falls hät­te dies bereits die Pro­ble­me des Pati­en­ten besei­tigt. Es hät­te also nicht zwin­gend eine Ope­ra­ti­on durch­ge­führt wer­den müs­sen, wobei man dies aller­dings ex post nicht mehr klä­ren kann.

zu Lasten des Augenarztes

Der Augen­arzt hät­te prä­ope­ra­tiv eine stra­bo­lo­gi­sche Ursa­che der Sym­pto­me aus­schlie­ßen müs­sen. Inso­fern liegt recht­lich ein Fall des so genann­ten Befund­er­he­bungs­feh­lers vor. Die­ser wird nicht zu Unrecht von Rechts­an­wäl­ten, die ver­tre­ten, gefürch­tet, denn ein sol­cher kann poten­ti­ell zur Beweis­last­um­kehr füh­ren. Der Arzt muss in die­sem Fall also bewei­sen, dass der Feh­ler nicht kau­sal für den Scha­den gewor­den ist.

Bei der Unterlassung einer Befunderhebung kommt es zur Beweislastumkehr, wenn:

  1. bei Erhe­bung der gebo­te­nen Befun­de ein posi­ti­ves Befund­er­geb­nis hin­rei­chend wahr­schein­lich (also grö­ßer als 50%) gewe­sen wäre,
  2. der Befund so deut­lich und gra­vie­rend gewe­sen wäre, dass des­sen Ver­ken­nung als fun­da­men­tal zu wer­ten wäre und
  3. der Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen dem Feh­ler und dem Scha­den nicht „äußerst unwahr­schein­lich“ (gerin­ger als 10%) ist.

Bezo­gen auf den vor­lie­gen­den Fall muss man fest­stel­len, dass bei Erhe­bung der stra­bo­lo­gi­schen Befun­de mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit die Schiel­stel­lung des rech­ten Auges fest­ge­stellt wor­den wäre. Die­ser Befund wäre auch so deut­lich gewe­sen, dass des­sen Ver­ken­nung als fun­da­men­tal zu wer­ten gewe­sen wäre. Mög­li­cher­wei­se wäre ihm sodann die OP erspart geblie­ben. Dass dies nicht abschlie­ßend geklärt wer­den konn­te, geht dem­zu­fol­ge zu Las­ten des Augen­arz­tes.

Dem Pati­en­ten muss­ten auf­grund des Befund­er­he­bungs­feh­lers zum einen Schmer­zens­geld für die even­tu­ell unnö­ti­ge OP und die damit ein­her­ge­hen­den Fol­gen – die stark aus­ge­präg­te Sic­ca-Sym­pto­ma­tik, die län­ger andau­ern­de Rekon­va­les­zenz und die erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt mit­tels Pris­men­bril­len behan­del­ba­re Schiel­stel­lung – gezahlt wer­den. Hin­zu kamen Heil­be­hand­lungs­kos­ten, die der Pati­ent zum Teil selbst zah­len muss­te, sowie ein gering­fü­gi­ger Haus­halts­füh­rungs­scha­den für die post­ope­ra­ti­ve Pha­se.

Haftungsrechtliche Konsequenzen für den Arzt

Die­ser Fall zeigt, wel­che Bedeu­tung einer kor­rek­ten und abschlie­ßen­den Befund­er­he­bung zukommt. Dies gilt umso mehr, wenn die Mög­lich­keit einer kon­ser­va­ti­ven Behand­lung in Betracht kommt und dem Pati­en­ten der Ein­griff in die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit erspart wer­den kann. Der ope­ra­ti­ve Ein­griff – wenn auch nicht indi­ziert – ver­lief in die­sem Fall kom­pli­ka­ti­ons­frei. Wären aber fol­gen­rei­che Kom­pli­ka­tio­nen ent­stan­den, hät­te der Arzt hier­für haf­tungs­recht­lich in vol­lem Umfang ein­ste­hen müs­sen.