Patientin bei der Behandlungsaufklärung
Die zwi­schen Arzt und Pati­ent hat an Bedeu­tung gewon­nen. Ins­be­son­de­re die Auf­klä­rung über den Behand­lungs­stand ist von Wich­tig­keit.Jean Paul Chas­se­net | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Die mit dem Pati­en­ten hat in den letz­ten Jah­ren stark an Bedeu­tung gewon­nen. Der moder­ne und im Ver­hält­nis zum Arzt eman­zi­pier­te Pati­ent ver­langt einen offe­nen Umgang und sach­ge­rech­te Infor­ma­tio­nen zum Stand der Behand­lung. Dies gilt auch für die nach erfolg­ten Ope­ra­tio­nen, wie der fol­gen­de Fall aus der Scha­den­pra­xis zeigt.

Sachverhalt

Die Pati­en­tin knick­te mit dem lin­ken Fuß um und erlitt einen Bruch des mitt­le­ren Keil­beins und der Mit­tel­fuß­kno­chen­ba­sen. In der erst­ver­sor­gen­den chir­ur­gi­schen Pra­xis wur­de die Pati­en­tin mit einem Unter­schen­kel­gi­ps ver­sorgt und zur sta­tio­nä­ren Behand­lung in eine spe­zia­li­sier­te Kli­nik ein­ge­lie­fert. Dort wur­de fest­ge­stellt, dass die Pati­en­tin unter einer dia­be­te­sas­so­zi­ier­ten Poly­neu­ro­pa­thie mit Aus­bil­dung eines soge­nann­ten Char­cot-Fußes litt. Über die­se erst­mals gestell­te Dia­gno­se infor­mier­te man die Pati­en­tin hin­ge­gen nicht.

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Es erfolg­te eine ope­ra­ti­ve Ver­sor­gung der Frak­tu­ren. Post­ope­ra­tiv war ein Gips ange­legt und zur Ent­las­tung eine Vacoped®-Orthese ange­passt wor­den. Zudem wur­de eine Wie­der­vor­stel­lung zur Ver­laufs­un­ter­su­chung in zwei Wochen vor­ge­se­hen. Auf die Ver­ord­nung von Unter­arm-Geh­stüt­zen zur voll­stän­di­gen Ent­las­tung des Fußes war vor­erst ver­zich­tet wor­den. Geplant war, im Rah­men der ver­ein­bar­ten Wie­der­vor­stel­lung über die wei­te­re zu ent­schei­den.

Die Ärz­te spra­chen mit der Pati­en­tin jedoch nicht über die zwin­gen­de Erfor­der­lich­keit, den Fuß zu ent­las­ten und zu die­sem Zweck den Vacoped®-Schuh rund um die Uhr zu tra­gen.

Ein Wie­der­vor­stel­lungs­ter­min wur­de mit der Pati­en­tin ver­ein­bart, sie jedoch nicht dar­über auf­ge­klärt, dass die Wie­der­vor­stel­lung zur Ver­laufs­über­wa­chung zwin­gend not­wen­dig war. Zum ver­ein­bar­ten Ter­min erschien die Pati­en­tin nicht, son­dern stell­te sich zeit­lich ver­zö­gert erst wie­der in der erst­ver­sor­gen­den Pra­xis vor, nach­dem zusätz­li­che Schmer­zen auf­ge­tre­ten waren.

Der Sach­ver­halt war Gegen­stand eines Gut­ach­ter­ver­fah­rens einer Lan­des­ärz­te­kam­mer. Nach den gut­ach­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen kam es infol­ge der man­gel­haf­ten the­ra­peu­ti­schen Auf­klä­rung und der dadurch beding­ten ver­zö­ger­ten Behand­lung wegen der aggres­si­ven Grund­er­kran­kung (Poly­neu­ro­pa­thie mit Aus­bil­dung eines Char­cot-Fußes) zu einem Fort­schrei­ten der knö­cher­nen Destruk­ti­on und zu einem Zusam­men­bruch der Fuß­wöl­bun­gen. Hier­aus resul­tiert eine dau­er­haf­te Beein­träch­ti­gung des Geh- und Steh­ver­mö­gens des lin­ken Fußes. Im Fall einer adäqua­ten Nach­be­hand­lung mit Bet­tung des Fußes und mehr­wö­chi­ger Ent­las­tung hät­te ein Fort­schrei­ten der Defor­mie­rung und damit die Ein­schrän­kung des Geh- und Steh­ver­mö­gens wei­test­ge­hend ver­hin­dert wer­den kön­nen.

Haftungsrechtliche Beurteilung der mangelnden Aufklärung

Haf­tungs­recht­lich unter­fällt eine man­gel­haf­te Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Nach­be­hand­lung einer Ope­ra­ti­on der soge­nann­ten Siche­rungs­auf­klä­rung (= the­ra­peu­ti­sche Auf­klä­rung). Der Arzt ist nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ver­pflich­tet, den Pati­en­ten über alle Umstän­de zu infor­mie­ren, die zur Siche­rung des Hei­lungs­er­folgs und zu einem the­ra­pie­ge­rech­ten Ver­hal­ten erfor­der­lich sind. Eine unter­las­se­ne Siche­rungs­auf­klä­rung stellt einen zum Scha­den­er­satz­an­spruch füh­ren­den Behand­lungs­feh­ler dar.

In die­sem Fall haben die behan­deln­den Ärz­te kei­ne aus­rei­chen­de Siche­rungs­auf­klä­rung durch­ge­führt. Die Pati­en­tin wur­de zunächst nicht über die erst­mals gestell­te Dia­gno­se eines Char­cot-Fußes infor­miert. Zudem unter­blieb die zwin­gen­de Auf­klä­rung über spe­zi­el­le Ver­hal­tens­re­geln im Hin­blick auf die erfor­der­li­che post­ope­ra­ti­ve Ent­las­tung des Fußes rund um die Uhr. Die unzu­rei­chen­de Siche­rungs­auf­klä­rung war Ursa­che dafür, dass die Pati­en­tin den Ernst der Lage nicht erkann­te, den Fuß nicht aus­rei­chend ent­las­te­te und nicht zum geplan­ten Wie­der­vor­stel­lungs­ter­min erschien.

Ein haf­tungs­re­le­van­tes Mit­ver­schul­den konn­te der Pati­en­tin in die­sem Fall nicht erfolg­reich ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den. Zwar kann eine Nicht­be­fol­gung ärzt­li­cher The­ra­pie- und Kon­troll­an­wei­sun­gen im Ein­zel­fall zu einem die Haf­tung des Arz­tes min­dern­den Mit­ver­schul­den füh­ren. Jedoch setzt ein Mit­ver­schul­dens­ein­wand selbst­ver­ständ­lich vor­aus, dass ent­spre­chen­de Anwei­sun­gen über­haupt erfolgt und vom Pati­en­ten auch ver­stan­den wor­den sind.

Auf der Basis des ermit­tel­ten Sach­ver­halts kamen die Gut­ach­ter zu einem haf­tungs­be­grün­den­den Behand­lungs­feh­ler, wel­cher im Ergeb­nis zum Aus­gleich umfang­rei­cher Scha­den­er­satz­an­sprü­che führ­te. Wegen des ver­ur­sach­ten Dau­er­scha­dens steht ein Schmer­zens­geld im hohen fünf­stel­li­gen Bereich zur Dis­kus­si­on. Dar­über hin­aus ist die Geschä­dig­te seit dem Ein­griff erwerbs­ge­min­dert. Dem­zu­fol­ge sind Erwerbs­scha­den­an­sprü­che eben­so wie ver­mehr­te Bedürf­nis­se wegen der ein­ge­schränk­ten Haus­halts­füh­rung in erheb­li­chem Umfang aus­zu­glei­chen. Ins­ge­samt ste­hen berech­tig­te Scha­den­er­satz­for­de­run­gen im sechs­stel­li­gen Bereich im Raum.

Fazit

Die beson­de­re Sorg­falt ist nicht nur der Risi­ko­auf­klä­rung vor der geplan­ten ope­ra­ti­ven Ver­sor­gung geschul­det. Viel­mehr muss der Pati­ent in die Lage ver­setzt wer­den, den Heil­ver­lauf durch sein rich­ti­ges Ver­hal­ten zu unter­stüt­zen. Hier­zu ist erfor­der­lich, dass der Arzt den Pati­en­ten in den Behand­lungs­pro­zess ein­be­zieht und die not­wen­di­gen Ver­hal­tens­re­geln und deren Kon­se­quen­zen ver­deut­licht, um den Heil­erfolg nicht unnö­tig zu gefähr­den. Ist die the­ra­peu­ti­sche Auf­klä­rung erfolgt, soll­te sie regel­mä­ßig auch doku­men­tiert wer­den, um im Streit­fall den ent­spre­chen­den Nach­weis füh­ren zu kön­nen.

Im Pra­xis­all­tag besteht die gro­ße Gefahr, dass Pati­en­ten nach Abschluss der eigent­li­chen ope­ra­ti­ven Ver­sor­gung rou­ti­ne­ge­mäß ohne aus­rei­chen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on „ver­wal­tet“ wer­den. Inso­weit soll­te dar­auf geach­tet wer­den, dass jedem Ein­zel­fall die erfor­der­li­che Auf­merk­sam­keit im Hin­blick auf das Ver­ständ­nis und die Mit­wir­kung des Pati­en­ten zukommt.

Die Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Arzt-Pati­en­ten-Bezie­hung hat zudem stark an Bedeu­tung gewon­nen. So steht auch im Zen­trum des Pati­en­ten­rech­te­ge­set­zes der mün­di­ge Pati­ent mit sei­nem Anspruch auf Infor­ma­ti­on und Selbst­be­stim­mung. Man­geln­de Kom­mu­ni­ka­ti­on ist des­halb immer häu­fi­ger Aus­gangs­punkt für haf­tungs­recht­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Der Pati­ent, der sich nicht aus­rei­chend infor­miert und nicht ernst genom­men fühlt, neigt grund­sätz­lich eher dazu, ver­meint­li­che Scha­den­er­satz­an­sprü­che gegen den Behand­ler durch­zu­set­zen.