Schlichtungsstellen
Die Schlich­tungs­stel­len sol­len als eine drit­te Instanz zwi­schen Arzt und Pati­ent ver­mit­teln.And­rei Rahalski/Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Sachverhalt

Die Pati­en­tin rief den All­ge­mein­arzt Herrn Dr. A. zu einem abend­li­chen Haus­be­such. Ana­mnes­tisch schil­der­te sie, dass der vor­be­han­deln­de Arzt des ärzt­li­chen Bereit­schafts­diens­tes zwei Tage zuvor auf­grund einer fest­ge­stell­ten Nie­ren­be­cken­ent­zün­dung das Anti­bio­ti­kum Amoxi­cil­lin ver­ord­net habe. Wei­ter­hin sei am Vor­ta­ge ein Haus­be­such durch einen wei­te­ren Arzt durch­ge­führt wor­den, weil kei­ne Bes­se­rung ein­ge­tre­ten war und zudem Übel­keit und Kreis­lauf­schwä­che hin­zu­ge­kom­men sei­en. Der Arzt habe das Anti­bio­ti­kum wie­der abge­setzt und Vomex und Par­acet­amol ver­ord­net.

Gegen­über Herrn Dr. A. erklär­te sie, sie habe Kreis­lauf­schwan­kun­gen beim Auf­ste­hen, wür­de sich „schlapp“ und erschöpft füh­len und ihr sei übel. Sie hat­te nach eige­nen Anga­ben zufol­ge am Vor­tag axi­al 40 °C Fie­ber gemes­sen. Auch hat­ten sich die bestehen­den Rücken- und Glie­der­schmer­zen nicht gebes­sert. Die Unter­su­chung ergab einen unauf­fäl­li­gen Befund für Lun­ge, Herz und Abdo­men. Der Blut­druck lag – dem Beschwer­de­bild ent­spre­chend – bei 110/60, wes­halb der All­ge­mein­arzt einen grip­pa­len Infekt sowie ein Stress-/Er­schöp­fungs­syn­drom ver­mu­te­te. Er emp­fahl die wei­te­re Ein­nah­me von Par­acet­amol und Vomex und inji­zier­te 1 Ampul­le Meto­pro­cla­mid gegen die Übel­keit. Bei wei­te­rer Ver­schlech­te­rung riet er zur Wie­der­vor­stel­lung in der Pra­xis oder einer Bereit­schafts­pra­xis.

Wie­der­um zwei Tage spä­ter wur­de die Pati­en­tin mit der Ver­dachts­dia­gno­se einer Menin­go­e­n­ce­pha­li­tis (Ent­zün­dung des Gehirns und der Hirn­häu­te) sta­tio­när auf­ge­nom­men und inten­siv­me­di­zi­nisch behan­delt.

Verfahren vor der Schlichtungsstelle

Da der Pati­en­tin nicht nach­voll­zieh­bar war, wie es zu der erheb­li­chen Ver­schlech­te­rung ihres Gesund­heits­zu­stands kom­men konn­te, stell­te sie bei der ört­lich zustän­di­gen Schlich­tungs­stel­le einen Antrag auf Über­prü­fung der gesam­ten Behand­lung.

Da die Schlich­tungs­stel­len bei der jeweils zustän­di­gen Lan­des­ärz­te­kam­mer ein­ge­glie­dert sind, sind auch die Ver­fah­rens­grund­sät­ze regio­nal unter­schied­lich gere­gelt. Bei den meis­ten Schlich­tungs­stel­len ist die Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rung des betrof­fe­nen Arz­tes jedoch Betei­lig­te des Ver­fah­rens.

Da die Teil­nah­me am Schlich­tungs­ver­fah­ren für alle Betei­lig­ten frei­wil­lig ist, bedurf­te es neben der Ein­wil­li­gung aller an der Behand­lung betei­lig­ten auch die der zustän­di­gen Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­run­gen. Daher wur­den auch in die­sem Fall alle zustän­di­gen Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­run­gen über den Antrag der Pati­en­tin infor­miert. Nach­dem alle betei­lig­ten und deren Berufs­haft­pflicht­ver­si­che­rung zuge­stimmt hat­ten, konn­te das Schlich­tungs­ver­fah­ren durch­ge­führt wer­den.

Der Erst­gut­ach­ter nahm auf­grund des spä­te­ren mas­si­ven Befunds an, dass die Pati­en­tin zum Zeit­punkt der Behand­lung durch den All­ge­mein­arzt so schwer­wie­gend erkrankt gewe­sen sein muss­te, dass eine Kran­ken­haus­ein­wei­sung gebo­ten gewe­sen wäre und kon­sta­tier­te einen Behand­lungs­feh­ler.

Ob eine bestimm­te ärzt­li­che Maß­nah­me der Dia­gnos­tik und/oder The­ra­pie als medi­zi­nisch not­wen­dig und aus­rei­chend anzu­se­hen ist, muss jedoch stets im Zeit­punkt der Vor­nah­me der Behand­lung, also ex ante, betrach­tet wer­den. Der Gut­ach­ter zog hier jedoch unzu­läs­si­ge Schlüs­se aus spä­ter auf­ge­tre­te­nen Sym­pto­men, die zum Zeit­punkt der Behand­lung noch nicht bekannt waren. Eine soge­nann­te Ex-post-Betrach­tung ver­bie­tet sich indes in der Erstel­lung eines medi­zi­ni­schen Gut­ach­tens.

Hier­auf reagier­ten wir umge­hend und erar­bei­te­ten mit dem bei uns ver­si­cher­ten All­ge­mein­arzt eine umfas­sen­de Erwi­de­rung. Wir führ­ten aus, dass der Vor­trag des ver­si­cher­ten Arz­tes in dem Gut­ach­ten nicht umfas­send gewür­digt wor­den sei und die­ser die Pati­en­tin aus der Ex-ante-Sicht kor­rekt behan­delt habe.

Der dar­auf­hin beauf­trag­te Zweit­gut­ach­ter bestä­tig­te die kri­ti­sche Erwi­de­rung auf das Erst­gut­ach­ten in vol­lem Umfang. Danach muss­te die Sym­pto­ma­tik der zwei Tage spä­ter dia­gnos­ti­zier­ten Menin­go­e­n­ce­pha­li­tis zum Zeit­punkt des Haus­be­suchs noch nicht der­art stark aus­ge­bil­det gewe­sen sein, dass die Ver­dachts­dia­gno­se einer Menin­go­e­n­ce­pha­li­tis hät­te gestellt wer­den müs­sen. Ein Behand­lungs­feh­ler des bei uns ver­si­cher­ten Arz­tes lag somit nicht vor.

Auch der abschlie­ßen­de Bescheid der Schlich­tungs­stel­le kon­sta­tier­te kein feh­ler­haf­tes Vor­ge­hen des Arz­tes.

Fazit

Damit der Lösungs­vor­schlag der Schlich­tungs­stel­le inhalt­lich und juris­tisch trag­fä­hig und für bei­de Sei­ten annehm­bar ist, muss der zugrun­de lie­gen­de Sach­ver­halt kor­rekt erfasst und gewür­digt wer­den. Durch die enge Koope­ra­ti­on zwi­schen dem ver­si­cher­ten Arzt und den Juris­ten der Heil­we­sen-Scha­den­ab­tei­lung konn­te der Scha­den­fall erfolg­reich beglei­tet und abge­schlos­sen wer­den. In gemein­sa­mer Zusam­men­ar­beit kön­nen vie­le Strei­tig­kei­ten bereits in der außer­ge­richt­li­chen Scha­den­be­ar­bei­tung – wie auch im vor­lie­gen­den Fall – gelöst wer­den.