Intensivstation
Im Kinder­kran­ken­haus: Wenn Angst reduziert wird, wirkt sich das positiv auf den Krank­heits­ver­lauf ausBild: © Grzegorz Kozakie­wicz | Dreamstime.com

Kinder empfin­den den Aufent­halt auf der Inten­siv­sta­tion oft als beson­ders belas­tend. Sie verste­hen nicht genau, welche Thera­pie durch­ge­führt wird und warum das notwen­dig ist. Auch die Abwägung von unmit­tel­ba­ren Nachtei­len gegen­über späte­ren Vortei­len – jetzt musst du ins Kranken­haus, aber in ein paar Monaten geht es dir dadurch wieder besser – ist gerade für kleine Kinder noch nicht zu verstehen.

Die Umgebung ist ungewohnt: Geräu­sche und Gerüche sind fremd, der Tages­ab­lauf ist unver­traut und oft machen Schmer­zen das Schla­fen schwer. Kinder haben so häufig Angst auf der Inten­siv­sta­tion, was wiederum sich wiederum ungüns­tig auf den Krank­heits­ver­lauf auswirkt.

Wie inter­pro­fes­sio­nelle Teams diese Angst durch angemes­sene und zielgrup­pen­ge­rechte Kommu­ni­ka­tion reduzie­ren können, damit beschäf­tigt sich das Sympo­sium „Reduk­tion von Angst bei kritisch kranken Kindern“ am 2. Dezem­ber 2022 ab 16:30 Uhr beim diesjäh­ri­gen DIVI22 – dem Jahres­kon­gress der Deutschen Inter­dis­zi­pli­nä­ren Verei­ni­gung für Inten­siv- und Notfall­me­di­zin, der vom 30. Novem­ber bis 2. Dezem­ber 2022 in Hamburg statt­fin­den wird. Dabei werden verschie­dene Vertre­ter des gesam­ten inten­siv­me­di­zi­ni­schen Teams zu Wort kommen – von der Physio­the­ra­pie über die Pflege bis hin zur Psychologie.

Inten­siv­sta­tion: Trauma­sen­si­bel kommu­ni­zie­ren mit dem Kind

„Angst führt zu Stress, verstärkt Schmer­zen und erhöht somit den Bedarf analge­ti­scher und sedie­ren­der Medika­mente mit den damit verbun­de­nen Neben­wir­kun­gen. Es ist wichtig, sich der Angst der inten­siv­me­di­zi­nisch betreu­ten Kinder und ihrer Angehö­ri­gen bewusst zu sein und inter­pro­fes­sio­nell zur Angst­re­duk­tion beizu­tra­gen. Dadurch kann der Krank­heits­ver­lauf positiv beein­flusst und das Risiko für ein Postin­ten­sive Care Syndrom reduziert werden“, erklärt DIVI-Kongress­prä­si­dent Profes­sor Sebas­tian Brenner, Bereichs­lei­ter der inter­dis­zi­pli­nä­ren Pädia­tri­schen Inten­siv­me­di­zin im Fachbe­reich Neona­to­lo­gie und Pädia­tri­sche Inten­siv­me­di­zin der Unikli­nik Dresden.

Spezi­ell zum Thema „Trauma­sen­si­ble Kommu­ni­ka­tion des Behand­lungs­teams“ wird Cynthia Pönicke, Psycho­lo­gin auf der Kinder­in­ten­siv­sta­tion der Unikli­nik Dresden, referie­ren. „Ich glaube, dass wir uns oft gar nicht bewusst sind, was wir durch Kommu­ni­ka­tion bewir­ken können – auch im Negati­ven. Gerade in sensi­blen Situa­tio­nen wie in der Kinder­in­ten­siv­me­di­zin kann das fatale Folgen wie zum Beispiel Re-Trauma­ti­sie­run­gen oder Flash­backs haben.“

Trauma­sen­si­ble Kommu­ni­ka­tion könne dazu beitra­gen, Kindern ein Gefühl der Sicher­heit zu vermit­teln, Ängste abzubauen und Stress zu reduzie­ren. „Es geht zum Beispiel weniger darum, mit dem Kind sämtli­che Details seines Unfalls zu bespre­chen, sondern sich an den Fragen des Kindes zu orien­tie­ren und gemein­sam die aktuelle Situa­tion in den Blick zu nehmen. Was ist jetzt wichtig und was können wir jetzt tun, damit sich das Kind siche­rer fühlt?“, ergänzt Pönicke. Manch­mal kann da schon ein spezi­el­les Kuschel­tier helfen, manch­mal auch eine bestimmte Bezugs­per­son wie der große Bruder.

Entspannte Eltern, entspann­tes Kind

Die psycho­lo­gi­sche Verfas­sung des Kindes wird ganz entschei­dend von den Eltern beein­flusst. Je eher die Eltern in der Lage sind, in dieser belas­ten­den Situa­tion stabil zu bleiben, desto eher kann sich auch das Kind entspannen.

„Je stabi­ler die Eltern sind, desto besser ist das für das Kind. Deswe­gen zielen unsere Bemühun­gen darauf, die Eltern möglichst zu stabi­li­sie­ren und sie zu befähi­gen, für das Kind da sein zu können. Und sie auch dabei zu unter­stüt­zen, ihre eigenen Grenzen zu respek­tie­ren“, erklärt Dr. Teresa Deffner, Psycho­lo­gin auf der Opera­ti­ven Inten­siv­sta­tion am Unikli­ni­kum Jena. „Die Anlei­tung und Beglei­tung der Eltern kritisch kranker Kinder ist dabei eine koordi­nierte Teamleis­tung, die den Pflegen­den und Ärzten Tag und Nacht obliegt und durch unsere psycho­lo­gi­sche Eltern­be­glei­tung unter­stützt wird.“

Pflege­not­stand auch in der Kindermedizin

Oft fehlt es leider an Perso­nal für die Unter­stüt­zung der Eltern. Denn der Mangel an Pflege­kräf­ten macht auch vor der Kinder­me­di­zin nicht halt. Viele Kinder­in­ten­siv­sta­tio­nen mussten aufgrund von Unter­be­set­zung in den vergan­ge­nen Jahren Betten abbauen und stehen kurz davor, schlie­ßen zu müssen. Im Januar 2022 beklag­ten ein Oberarzt und eine Pflege­fach­kraft im Inter­view mit der Zeit, dass die Triage in der Kinder­in­ten­siv­me­di­zin seit Jahren – bereits vor der Corona-Pande­mie – Reali­tät sei, da aufgrund des Perso­nal­man­gels Patien­ten abgewie­sen werden müssten.

Dieses Problem hatte die Fraktion DIE LINKE schon 2019 mit einer Kleinen Anfrage adres­siert, in der es um die Entwick­lung der Kinder- und Jugend­me­di­zin ging. Die damalige Bundes­re­gie­rung kam zu dem Schluss, dass eine struk­tu­relle Unter­ver­sor­gung nicht gegeben sei. Kriti­ker bemän­gel­ten damals, dass die Regie­rung keine Angaben zu den aufgrund von fehlen­dem Fachper­so­nal gesperr­ten Betten machte, die deshalb weiter­hin als verfüg­bar definiert wurden.

Man darf gespannt sein, ob die amtie­rende Regie­rung die Situa­tion auf den Inten­siv­sta­tio­nen in den Griff bekommt. Der Koali­ti­ons­ver­trag legt immer­hin fest, dass „[b]ei der inten­siv­pfle­ge­ri­schen Versor­gung […] die freie Wahl des Wohnorts erhal­ten bleiben [muss].“