Intensivstation am Universitätsklinikum Heidelberg.
Intensivstation am Universitätsklinikum Heidelberg.Universitätsklinikum Heidelberg

Die – in Deutschland die dritthäufigste Todesursache, auf den Intensivstationen sogar die häufigste – entwickelt sich infolge schwerer Erkrankungen wie beispielsweise einer Lungenentzündung, infizierten Verletzungen oder nach großen Operationen. Gefährdet sind vor allem schwerkranke Patienten auf Intensivstationen und Menschen mit geschwächtem Immunsystem: Ihre körpereigene Abwehr reagiert auf eine Infektion nur verzögert; ausgehend vom Krankheitsherd können sich die Erreger daher im ganzen Körper ausbreiten. Doch dann kommt es innerhalb kürzester Zeit überall zu heftigen Entzündungsreaktionen: Der gesamte Körper sowie die inneren Organe schwellen an, der Kreislauf kollabiert und der Organismus gerät in einen Schockzustand, die Blutgerinnung wird überaktiv und die Adern verstopfen. Schließlich versagen Nieren, Leber, Lunge und Herz.

„Heidelberg Pathway“ erleichtert richtiges Handeln unter Zeitdruck

Zeit Abzuwarten bleibt nicht: Nur wenn Pflegende und Ärzte die Sepsis schnell erkennen und sofort richtig reagieren, können sie den Patienten vor bleibenden Schäden oder Schlimmerem bewahren. Dabei hilft der „Heidelberg Sepsis Pathway“ – eine Therapieempfehlung mit Checklisten, die das Team der Anästhesiologischen Universitätsklinik nach internationalen Behandlungsleitlinien erarbeitete und die kontinuierlich auf den aktuellen Stand der Forschung gebracht wird. Der Leitfaden schafft Sicherheit und verhindert, dass im Notfall und unter Zeitdruck etwas übersehen oder zu spät in die Wege geleitet wird. Er wird in mehreren Kliniken in Deutschland erfolgreich angewendet.

„Unverzichtbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung der Sepsis ist außerdem ein hervorragend geschultes und eingespieltes Team“, sagt Prof. Dr. Stefan Hofer, Stellvertretender Ärztlicher Direktor der Anästhesiologischen Universitätsklinik Heidelberg. Die enge fachübergreifende Zusammenarbeit erfahrener Anästhesisten, Chirurgen, Mikrobiologen, Apotheker, Radiologen und Intensivpflegekräften macht das Universitätsklinikum Heidelberg zu einem deutschlandweit führenden Zentrum in der Behandlung der Sepsis.

Bekanntes Medikament gegen Vergiftungen stoppt Entzündungsreaktionen bei Sepsis

Ein Schwerpunkt des Zentrums ist die Erforschung neuer Therapiestrategien. Bisher stehen nur wenige Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten der Sepsis so lange aufhalten, bis die Keime identifiziert und die passenden Antibiotika verabreicht werden können. In einer nun angelaufenen Studie testen die Heidelberger Wissenschaftler das Medikament „Anticholium“, das ursprünglich zur Behandlung von Vergiftungen zugelassen wurde. Vorarbeiten in Heidelberg zeigten, dass das Medikament die überschießende Entzündungsreaktion effektiv unterbricht. „Zudem hat Anticholium ein überschaubares Nebenwirkungsprofil und wir wissen dank der bereits bestehenden Erfahrung genau, in welchen Fällen wir das Medikament ohne Risiko für den Patienten einsetzen können”, sagt Prof. Hofer.

Anticholium – der Name des Wirkstoffs lautet Physostigmin – verhindert, dass ein wichtiger Botenstoff des vegetativen Nervensystems abgebaut wird, und drosselt damit indirekt die Ausschüttung entzündungsfördernder Stoffe, der Zytokine. Gelangen weniger dieser Zytokine in die Blutbahn, bleibt die Entzündung lokal begrenzt und damit unter Kontrolle. Im Tierversuch erwies sich Anticholium ebenso wirksam wie gängige Therapien bei gleichzeitig weniger Nebenwirkungen. Außerdem ist die Behandlung deutlich kostengünstiger als andere Therapien.

Veranstaltung zum Welt-Sepsis-Tag

Alljährlich zum 13. September findet der Welt-Sepsis-Tag statt, an dem über diese schwere und oftmals tödlich endende Erkrankung informiert wird. Die Universitätsklinik für Anästhesiologie Heidelberg wird aus diesem Anlass am 10. September 2014 ein Fachsymposium organisieren, auf den international renommierte Experten neue Diagnoseverfahren, Fortschritte in der Therapie und aktuelle Forschungsergebnisse vorstellen und diskutieren werden.