Tabletten, Psychopharmaka
Laut einer jüngs­ten Studie erhal­ten Heimbe­woh­ner in Deutsch­land zu viele Psycho­phar­maka.Bild: aloisiocostalatge/Pixabay.com

Demnach erhiel­ten gut 30 % der Bewoh­ner ein Antide­pres­si­vum, wobei es kaum Unter­schiede zwischen Pflege­be­dürf­ti­gen mit oder ohne Demenz gibt. Dagegen bekom­men 40 % der Bewoh­ner mit Demenz dauer­haft mindes­tens ein Neuro­lep­ti­kum, aber nur knapp 20 % der Heimbe­woh­ner ohne Demenz.

Im Ausland werden alter­na­tive Ansätze verfolgt

Mit Blick auf unerwünschte Neben­wir­kun­gen wie Stürze, Schlag­an­fälle oder Throm­bo­sen warnt die Klini­sche Pharma­ko­lo­gin Profes­sor Petra Thürmann: „Neuro­lep­tika werden als Medika­mente zur Behand­lung von krank­haf­ten Wahnvor­stel­lun­gen, sogenann­ten Psycho­sen, entwi­ckelt. Nur ganz wenige Wirkstoffe sind zur Behand­lung von Wahnvor­stel­lun­gen bei Demenz zugelas­sen, und dann auch nur für eine kurze Thera­pie­dauer von sechs Wochen. Der breite und dauer­hafte Neuro­lep­tika-Einsatz bei Pflege­heim­be­woh­nern mit Demenz verstößt gegen die Leitlinien.“

Dabei verweist die Exper­tin aufs Ausland. Während 54 Prozent der spani­schen und 47 % der deutschen demenz­kran­ken Heimbe­woh­ner Neuro­lep­tika erhal­ten, sind es nur zwölf Prozent in Schwe­den und 30 Prozent in Finnland. „Es scheint also Spiel­raum und Alter­na­ti­ven zu geben“, so das Mitglied des Sachver­stän­di­gen­ra­tes des Bundesgesundheitsministeriums.

Pflege­kräfte halten Verord­nungs­um­fang für angemessen

Die Pflege­kräfte bestä­ti­gen das hohe Ausmaß an Psycho­phar­maka-Verord­nun­gen in Pflege­hei­men. Das belegt die im neuen Pflege-Report veröf­fent­lichte schrift­li­che Befra­gung von 2.500 Pflege­kräf­ten durch das Wissen­schaft­li­che Insti­tut der AOK (WIdO): Die Befrag­ten geben an, dass im Durch­schnitt bei mehr als der Hälfte der Bewoh­ner ihres Pflege­heims Psycho­phar­maka einge­setzt werden. Zwei Drittel der Betrof­fe­nen (64 %) erhiel­ten demnach die Verord­nun­gen auch länger als ein Jahr.

Inter­es­san­ter­weise halten 82 % der Pflege­kräfte diesen Verord­nungs­um­fang für angemes­sen. Dr. Antje Schwin­ger vom WIdO: „Das Problem­be­wusst­sein der Pflege­kräfte muss hier offen­sicht­lich geschärft werden. Um den Psycho­phar­maka-Einsatz in Pflege­hei­men zu reduzie­ren, sollte sicher­ge­stellt werden, dass nicht-medika­men­töse Ansätze im Arbeits­all­tag stärker etabliert werden.“

Die Medika­mente nur einset­zen, wenn es nicht anders geht

Die Pflege­kräfte können für die Tendenz zur Überme­di­ka­tion von Pflege­heim­be­woh­nern mit Demenz am wenigs­ten. Das stellt der Vorstands­vor­sit­zende des AOK-Bundes­ver­ban­des, Martin Litsch, klar. Der bewusste und kriti­sche Umgang mit Psycho­phar­maka sei eine Teamauf­gabe von Ärzten, Pflege­heim­be­trei­bern, Pflege­kräf­ten und Apothe­kern, die Pflege­heime betreuen. Vor allem die behan­deln­den Ärzte, aber auch Pflege­heim­be­trei­ber seien hier in der Verant­wor­tung für eine leitli­ni­en­ge­rechte Medizin.

„Ärzte stehen in der Pflicht, diese Medika­mente nur dann einzu­set­zen, wenn es nicht anders geht und auch nur so kurz wie möglich. Und Pflege­heim­be­trei­ber müssen ergän­zend den Einsatz nicht-medika­men­tö­ser Versor­gungs­an­sätze fördern“, erklärt Litsch. Um die Zusam­men­ar­beit zwischen Ärzten und Pflege­hei­men zu verbes­sern, fordert er ein Nachschär­fen der Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­run­gen zwischen Pflege­hei­men und Vertrags­ärz­ten auf Bundes­ebene. Außer­dem müsse die Geria­trie in der ärztli­chen Ausbil­dung ein stärke­res Gewicht erhal­ten. Schließ­lich sei ein Exper­ten­stan­dard für die pflege­ri­sche Betreu­ung und Versor­gung von demen­zi­ell Erkrank­ten nötig.

Quelle: Presseportal.de

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