Risikoaufklärung in der Augenchirurgie. Katarktoperation am Auge.
Katarkt­ope­ra­ti­on am Auge.Pho­to 143138306 © Annachiz­ho­va – Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Auch in der Augen­heil­kun­de ist, wie z.B. bei der Kor­rek­tur der Fehl­sich­tig­keit, die mini­mal­in­va­si­ve Chir­ur­gie im Fort­schritt. Hier sind häu­fig wegen klei­ne­rer Ope­ra­ti­ons­trau­ma­ta und ver­kürz­ter Ope­ra­ti­ons­zei­ten nur noch kurz dau­ern­de Lokal­an­äs­the­sien not­wen­dig. In wel­chem Umfang die hier­bei zur Ver­fü­gung ste­hen­den Anäs­the­sie­me­tho­den mit dem Pati­en­ten erör­tert wer­den müs­sen, wird indes von den Sach­ver­stän­di­gen und den Gerich­ten nicht ein­heit­lich beant­wor­tet.

Komplikationen bei Katarktoperation: Die Sehfähigkeit auf dem linken Auge konnte nicht gerettet werden

Bei der 72 Jah­re alten Pati­en­tin wur­den Lin­sen­trü­bun­gen fest­ge­stellt. Die Seh­schär­fe betrug rechts 0,5 links 0,7–0,8 dpt. Der Hau­sau­gen­arzt über­wies die Pati­en­tin zur Kata­rak­t­ope­ra­ti­on (Aus­tausch der Lin­sen). Dort fand ein Auf­klä­rungs­ge­spräch über die anste­hen­de Ope­ra­ti­on statt.

Hier­bei wur­de die Klä­ge­rin über das sel­te­ne, ein­griffs­im­ma­nen­te Risi­ko des Seh­ver­lus­tes durch die Ope­ra­tio­nen und die vor­an­ge­hen­den peri­bul­bä­ren Anäs­the­sien (bei der PBA wird ein Lokal­an­äs­the­ti­kum mit­tels Kanü­le in die Orbi­ta inji­ziert) auf­ge­klärt. Die ers­te Kata­rak­t­ope­ra­ti­on am rech­ten Auge ver­lief pro­blem­los. Bei der zwei­ten Ope­ra­ti­on am lin­ken Auge kam es im anäs­the­sio­lo­gi­schen Bereich zu Kom­pli­ka­tio­nen. Wie auch bei dem vor­aus­ge­gan­ge­nen Ein­griff war die Durch­füh­rung eines peri­bul­bä­ren Blo­ckes durch den Anäs­the­sis­ten geplant. Als Prä­me­di­ka­ti­on wur­de eine Kurz­zeits­e­die­rung durch­ge­führt, damit die Pati­en­tin in ört­li­cher Betäu­bung die Injek­ti­on in Augen­nä­he nicht wach erle­ben muss­te.

Bei dem ers­ten Ver­such, mit der Nadel den Block zu set­zen, kam es zu einer unwill­kür­li­chen Kopf­be­we­gung der Pati­en­tin. Der Vor­gang muss­te abge­bro­chen wer­den. Mit einer zwei­ten Punk­ti­on wur­de die schließ­lich durch­ge­führt. Gleich zu Beginn der Kata­rak­t­ope­ra­ti­on stell­te der Ope­ra­teur eine Per­fo­ra­ti­on im Auge fest. Die Ope­ra­ti­on wur­de dar­auf­hin abge­bro­chen und die Pati­en­tin unver­züg­lich in die Uni­ver­si­täts-Augen­kli­nik über­wie­sen. Die Seh­fä­hig­keit auf dem lin­ken Auge konn­te im Ver­lauf nicht geret­tet wer­den. Die Pati­en­tin ver­folg­te ihre Ansprü­che im Wei­te­ren gericht­lich.

Landgericht wies Klage ab: Die sei ausreichend gewesen

Das Land­ge­richt wies die Kla­ge zurück. Eine Bul­bus­per­fo­ra­ti­on und der Ver­lust der Seh­fä­hig­keit sei­en ein­griffs­spe­zi­fi­sche Risi­ken, sodass ein Unter­schrei­ten des medi­zi­ni­schen Stan­dards allein auf­grund der Per­fo­ra­ti­on nicht erkenn­bar sei. Auch die vor­an­ge­gan­ge­ne der Pati­en­tin sei aus­rei­chend gewe­sen.

Grund­sätz­lich hat die Auf­klä­rung Art und Umfang der zu erwar­ten­den Fol­gen und Risi­ken des Ein­griffs sowie des­sen Eig­nung und Erfolgs­aus­sich­ten im Hin­blick auf die Dia­gno­se und The­ra­pie zu ent­hal­ten. Zur Behand­lungs­auf­klä­rung gehört dabei auch, dass der Arzt dem Pati­en­ten Kennt­nis von gleich­wer­ti­gen Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven ver­schaf­fen muss, sofern glei­cher­ma­ßen indi­zier­te und übli­che Behand­lungs­me­tho­den mit wesent­lich unter­schied­li­chen Risi­ken und Erfolgs­chan­cen bestehen.

Im oben dar­ge­leg­ten Fall ging das Land­ge­richt davon aus, dass die Kata­rak­t­ope­ra­ti­on als sol­che alter­na­tiv­los gewe­sen sei. Auch zu dem anäs­the­sio­lo­gi­schen Vor­ge­hen (PBA) mit vor­he­ri­ger Sedie­rung bestand nach Auf­fas­sung der Rich­ter kei­ne gleich­wer­ti­ge Alter­na­ti­ve.

Die denk­ba­re Opti­on einer Voll­nar­ko­se wur­de nicht als gleich­wer­tig ein­ge­stuft, da die Rege­ne­ra­ti­ons­pha­se des Pati­en­ten im Ver­gleich län­ger andaue­re. Ins­be­son­de­re im fort­ge­schrit­te­nen Alter sei die­se Vor­ge­hens­wei­se des­halb nicht emp­feh­lens­wert. Die Trop­fen­be­täu­bung hin­ge­gen, bei der die Beweg­lich­keit des Auges erhal­ten blei­be und damit das Risi­ko von intra­ope­ra­ti­ven Kom­pli­ka­tio­nen stark erhöht sei, wur­de als mög­li­che Behand­lungs­al­ter­na­ti­ve (hin­sicht­lich der ) gewer­tet. Das Land­ge­richt kam aller­dings zu dem Ergeb­nis, dass es sich bei der Tropf­an­äs­the­sie – anders als bei einem injek­ti­ven Ver­fah­ren – um einen tech­ni­schen Schritt inner­halb eines ein­heit­li­chen Ope­ra­ti­ons­ver­fah­rens han­de­le. Sol­che ein­zel­nen Behand­lungs­tech­ni­ken und ‑schrit­te lägen damit aus­schließ­lich in der Ent­schei­dung des Ope­ra­teurs. Eine Auf­klä­rungs­ver­pflich­tung hier­über bestehe nicht.

Oberlandesgericht sprach sich für einen Vergleich aus

Dem­ge­gen­über wur­de in dem Beru­fungs­ver­fah­ren die Tropf­an­äs­the­sie dem abgrenz­ba­ren anäs­the­sio­lo­gi­schen Bereich zuge­ord­net. In der Beweis­auf­nah­me vor dem Ober­lan­des­ge­richt, unter noch­ma­li­ger Befra­gung des Sach­ver­stän­di­gen, konn­te jedoch nicht abschlie­ßend geklärt wer­den, ob die Trop­fen­be­täu­bung einer­seits und die Punk­ti­on (Peri-Bul­bär-Block) ande­rer­seits gleich­wer­ti­ge und gleich indi­zier­te Anäs­the­sie­me­tho­den gewe­sen sei­en.

Durch die Trop­fen­be­täu­bung ent­fällt zwar das Risi­ko der Bul­bus­per­fo­ra­ti­on im anäs­the­sio­lo­gi­schen Bereich voll­stän­dig. Das Ope­ra­ti­ons­ri­si­ko stei­gert sich durch die ver­blei­ben­de Mobi­li­tät der Augen­mus­ku­la­tur aller­dings deut­lich. Im Gegen­satz dazu birgt die PBA bereits prä­ope­ra­tiv die Gefahr einer Ver­let­zung des Auges. Die eigent­li­che Ope­ra­ti­on kann in bestehen­der weit­rei­chen­de­rer dann siche­rer und erfolg­ver­spre­chen­der durch­ge­führt wer­den.

Von der Fra­ge, ob die bei­den Anäs­the­sie­me­tho­den ech­te Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven dar­stel­len, hängt ent­schei­dend ab, inwie­weit eine geson­der­te Auf­klä­rung der Pati­en­ten­sei­te erfor­der­lich wird. Das Beru­fungs­ge­richt hat die­se Beweis­fra­gen offen gelas­sen und den Abschluss eines Ver­gleichs ange­ra­ten. Die dort getrof­fe­ne Kos­ten­re­ge­lung spie­gel­te ein hälf­ti­ges Pro­zess­ri­si­ko bei­der Par­tei­en wider.

Abweichende Gerichtsentscheidung in ähnlichem Fall

Im Gegen­satz zu dem obi­gen Fall, wur­den von einem ande­ren Gericht zu einem ver­gleich­ba­ren Sach­ver­halt die PBA und die Tropf­an­äs­the­sie als grund­sätz­lich mög­li­che und gleich­wer­ti­ge Anäs­the­sie­me­tho­den gewer­tet. Nach Mei­nung die­ses Gerichts müs­se vor der Kata­rak­t­ope­ra­ti­on eine scho­nungs­lo­se und aus­rei­chen­de Risi­ko­auf­klä­rung über alle mög­li­chen Anäs­the­sie­al­ter­na­ti­ven erfol­gen.

Fazit

In der Augen­chir­ur­gie bleibt die prä­ope­ra­ti­ve Ent­schei­dung über die jeweils indi­vi­du­ell emp­foh­le­ne und indi­zier­te Anäs­the­sie­form regel­mä­ßig dem augen­ärzt­li­chen Ope­ra­teur vor­be­hal­ten. Denn hier­bei ist das Fach­wis­sen des Augen­arz­tes gefragt, der bei sei­nem ärzt­li­chen Rat man­nig­fal­ti­ge Umstän­de – die Län­ge des Aug­ap­fels, spe­zi­fi­sche Lage des Auges – zu berück­sich­ti­gen hat.

Die unter­schied­li­chen Bewer­tun­gen der Sach­ver­stän­di­gen und der Gerich­te hin­sicht­lich des anäs­the­sio­lo­gi­schen Auf­klä­rungs­um­fangs vor augen­ärzt­li­chen Ein­grif­fen soll­te zum Anlass genom­men wer­den, stan­dard­mä­ßig die mög­li­chen, nicht aus­schließ­ba­ren Anäs­the­sie­me­tho­den (Voll­nar­ko­se, PBA, Tropf­an­äs­the­sie) mit dem Pati­en­ten zu erör­tern. Schei­den eine Trop­fen­be­täu­bung als Anäs­the­sie­form oder auch eine Voll­nar­ko­se nicht von vor­ne­her­ein aus, so kön­nen hier­in ech­te Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven lie­gen, über die vor­ab eine Risi­ko­auf­klä­rung erfol­gen muss.

Sind dem Pati­en­ten die Wahl­mög­lich­kei­ten zu den Nar­ko­se­ver­fah­ren erläu­tert wor­den, wird hier­durch das Haf­tungs­ri­si­ko bei ein­ge­tre­te­nen, sys­tem­im­ma­nen­ten Kom­pli­ka­tio­nen deut­lich ver­rin­gert. Dabei soll­te abschlie­ßend noch dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, dass die Haf­tung für eine feh­ler­haf­te Risi­ko­auf­klä­rung hin­sicht­lich der Anäs­the­sie sowohl den Anäs­the­sis­ten als auch den ope­rie­ren­den Augen­arzt zu glei­chen Tei­len trifft.