Auch in der Augenheilkunde sollten Befunde nicht blind übernommen werden
Auch in der Augen­heil­kun­de soll­ten Befun­de nicht blind über­nom­men wer­den.Andrea De Mar­tin | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

In der Augen­heil­kun­de ist ver­mehrt zu beob­ach­ten, dass Pati­en­ten zur ambu­lant ope­ra­ti­ven Ver­sor­gung in Tages­kli­ni­ken oder -Zen­tren über­wie­sen wer­den. Die­se -Zen­tren sind so gut wie gar nicht mehr kon­ser­va­tiv tätig, bie­ten viel­mehr aus­schließ­lich die ope­ra­ti­ve Leis­tung an. Der Pati­ent wird hier häu­fig nur ein­mal vor­stel­lig, näm­lich zu eben die­ser . Zwi­schen über­wei­sen­dem und ope­ra­tiv täti­gem Arzt fin­det dabei regel­mä­ßig eine soge­nann­te statt – mit unter Umstän­den haf­tungs­recht­li­chen Kon­se­quen­zen, wie auch der fol­gen­de Fall zeigt.

Sachverhalt

Der Pati­ent war über meh­re­re Jah­re bei einer Augen­ärz­tin in Behand­lung. Die­se stell­te im Jahr 2010 für das rech­te Auge die Dia­gno­se einer tro­cke­nen Maku­la­de­ge­ne­ra­ti­on (Erkran­kung der Augen­netz­haut). Im wei­te­ren Ver­lauf erfolg­ten jähr­li­che Kon­trol­len, bei denen kei­ne wesent­li­chen Ver­än­de­run­gen fest­ge­stellt wur­den. Ins­be­son­de­re war auch die Seh­schär­fe (Visus) stets gleich­blei­bend.

Im April 2013 beklag­te der Pati­ent erst­mals eine Seh­ver­schlech­te­rung rechts. Der Visus lag bei 30%. Mit der Dia­gno­se Kataract (Trü­bung der Augen­lin­se „Grau­er Star“) wur­de der Pati­ent an ein augen­ärzt­li­ches -Zen­trum über­wie­sen. Da der Pati­ent die von sei­nem Wohn­ort rela­tiv wei­te Anfahrt in das -Zen­trum ledig­lich nur ein­mal durch­füh­ren woll­te, wur­de die Vor­un­ter­su­chung zur noch in der Pra­xis der über­wei­sen­den Augen­ärz­tin durch­ge­führt.

Die Ope­ra­ti­on erfolg­te kom­pli­ka­ti­ons­los. Post­ope­ra­tiv fiel jedoch ein Visus von 0,15 auf, der sich über einen Zeit­raum von 6 Wochen nicht ver­bes­ser­te. Im Rah­men einer post­ope­ra­tiv durch­ge­führ­ten Fluo­res­zenz­an­gio­gra­fie (bild­ge­ben­des Ver­fah­ren zur Dia­gnos­tik von Erkran­kun­gen des Augen­hin­ter­grunds) wur­de schließ­lich die Dia­gno­se einer feuch­ten Maku­la­de­ge­ne­ra­ti­on gestellt.

Rechtliche Beurteilung

Sowohl der über­wei­sen­den Augen­ärz­tin als auch dem Ope­ra­teur ist ein Befund­er­he­bungs­feh­ler vor­zu­wer­fen.

Im Rah­men der OP-Vor­un­ter­su­chung hät­te die plötz­li­che Seh­ver­schlech­te­rung wei­ter abge­klärt wer­den müs­sen. Trotz akten­kun­di­ger tro­cke­ner Maku­la­de­ge­ne­ra­ti­on wur­den kei­ne wei­te­ren prä­ope­ra­ti­ven Unter­su­chun­gen zur Abklä­rung der post­ope­ra­ti­ven Visus­pro­gno­se und Pla­nung der post­ope­ra­ti­ven Refrak­ti­on durch­ge­führt. Auch hät­te abge­klärt wer­den müs­sen, ob allei­ne die Lin­se für die Seh­schär­fe ver­ant­wort­lich war oder ob auch ande­re Fak­to­ren eine Rol­le spiel­ten.

Nach Auf­fas­sung der vom Pati­en­ten ein­ge­schal­te­ten Schlich­tungs­stel­le der zustän­di­gen Lan­des­ärz­te­kam­mer wäre bei Durch­füh­rung einer prä­ope­ra­ti­ven Fluo­res­zenz­an­gio­gra­fie ein reak­ti­ons­pflich­ti­ger Befund der feuch­ten Maku­la­de­ge­ne­ra­ti­on fest­ge­stellt wor­den. Der Ope­ra­teur hät­te nicht ein­fach die Dia­gno­se der Über­wei­se­rin über­neh­men dür­fen, son­dern hät­te sie selbst noch ein­mal über­prü­fen müs­sen. Ins­be­son­de­re hät­te er der plötz­li­chen Visus­ver­schlech­te­rung bei mit­ge­teil­ter tro­cke­ner Maku­la­de­ge­ne­ra­ti­on nach­ge­hen müs­sen.

Es han­delt sich um einen Fall der soge­nann­ten hori­zon­ta­len Arbeits­tei­lung, bei der der Pati­ent von gleich­be­rech­tig­ten Ärz­ten unter­schied­li­cher oder auch der­sel­ben Fach­rich­tung betreut wird. Soweit Ärz­te der glei­chen Fach­rich­tung tätig sind, ist der sonst auch in die­sem Bereich der Arbeits­tei­lung übli­che Ver­trau­ens­grund­satz nur ein­ge­schränkt anwend­bar. Denn die Befun­de sind für den nach­fol­gen­den Arzt leich­ter nach­zu­voll­zie­hen. Ins­be­son­de­re bei der Wei­ter- bzw. Mit­be­hand­lung durch einen Arzt der­sel­ben Fach­rich­tung ist die­ser also dazu ver­pflich­tet, die Dia­gno­se und die vor­ge­schla­ge­ne The­ra­pie noch ein­mal eigen­stän­dig zu über­prü­fen. Eine Über­nah­me der vom vor­be­han­deln­den Arzt erho­be­nen Befun­de ist zwar mög­lich, soll­te aber die begrün­de­te Aus­nah­me blei­ben.

Hät­te der Ope­ra­teur im vor­lie­gen­den Fall sein Augen­merk noch­mals auf die plötz­li­che Seh­ver­schlech­te­rung gelegt, wäre ihm auf­ge­fal­len, dass die bis­he­ri­ge tro­cke­ne Maku­la­de­ge­ne­ra­ti­on in eine feuch­te Form über­ge­gan­gen ist. Mög­li­cher­wei­se wäre die OP dann gar nicht durch­ge­führt wor­den und der Pati­ent hät­te unmit­tel­bar die drin­gend not­wen­di­ge Behand­lung der Maku­la­de­ge­ne­ra­ti­on erhal­ten, um eine wei­te­re Erblin­dung zumin­dest hin­aus­zu­zö­gern.

Im vor­lie­gen­den Fall kam es wegen der man­geln­den Befund­er­he­bung zu einer Beweis­last­um­kehr zum Nach­teil bei­der Behand­ler. Danach hät­ten sie zu bewei­sen gehabt, dass die OP bei gege­be­ner feuch­ter Maku­la­de­ge­ne­ra­ti­on indi­ziert war und die Visus­ver­schlech­te­rung auf 0,15 auch bei recht­zei­ti­ger Behand­lung zur Ent­ste­hung gelangt wäre. Die­ser Beweis konn­te schlech­ter­dings nicht geführt wer­den, wes­halb die Ärz­te sowohl ein Schmer­zens­geld im fünf­stel­li­gen Bereich als auch ver­mehr­te Bedürf­nis­se des Pati­en­ten infol­ge sei­ner gestie­ge­nen Hilfs­be­dürf­tig­keit zu ver­ant­wor­ten hat­ten.

Fazit

Auch wenn es manch­mal über­flüs­sig erschei­nen mag und ins­be­son­de­re der Pati­ent dies als Zeit­ver­schwen­dung emp­fin­det, soll­te der fach­glei­che Arzt, der als Mit- oder Wei­ter­be­hand­ler tätig wird, immer die durch den Erst­be­hand­ler erho­be­nen Befun­de über­prü­fen. Hier­durch kann ver­mie­den wer­den, dass über­flüs­si­ge Behand­lun­gen durch­ge­führt bzw. drin­gend not­wen­di­ge Behand­lun­gen ver­zö­gert wer­den. Das Haf­tungs­ri­si­ko wür­de zugleich mini­miert.