Der Deutsche Wundkongress 2016 in Bremen.
Neben dem Deut­schen Wund­kon­gress fan­den in die­sem Jahr in der Mes­se Bre­men auch zwei wei­te­re Wund­ver­an­stal­tun­gen statt. Dafür ent­fiel der Bre­mer Pfle­ge­kon­gress.Micha­el Schirp

Über 6000 For­scher, Medi­zi­ner, Pfle­gen­de und Gesund­heits­wirt­schaft­ler aus rund 80 Län­dern tra­fen sich vom 11. bis 13. Mai in der Mes­se Bre­men zu Aus­tausch, Net­wor­king und Fort­bil­dung. Das Kon­gress­pro­gramm umfass­te rund 1000 deutsch- und eng­lisch­spra­chi­ge Vor­trä­ge und Work­shops. Der inter­na­tio­nal sehr renom­mier­te Kon­gress fand in die­sem Jahr als Ver­an­stal­tungs­trio statt, bestehend aus dem 10. Deut­schen Wund­kon­gress, dem 26. Kon­gress der European Wound Manage­ment Asso­cia­ti­on (EWMA) und dem 2. WundD.A.CH-Kongress.

Das über­grei­fen­de Kon­gress­the­ma lau­te­te: Pati­en­ten, Wun­den, Rech­te. Bereits in der von EWMA-Alt­prä­si­den­tin Sal­la Sep­pä­nen und dem amtie­ren­den EWMA-Prä­si­den­ten Seve­rin Läuch­li gemein­sam mode­rier­ten Eröff­nungs­sit­zung wur­de deut­lich betont, dass die All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te jedem Mensch das Recht auf Gesund­heit ver­leiht. Mit Bezug auf die Wund­ver­sor­gung bedeu­te dies, dass jeder Mensch Zugang zu Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men und zur Behand­lung nicht hei­len­der Wun­den haben muss. Von zen­tra­ler poli­ti­scher und kli­ni­scher Bedeu­tung sei es dabei die Lebens­qua­li­tät der Pati­en­ten sicher­zu­stel­len, so das Cre­do aller Eröff­nungs­red­ner.

Bei der Lebens­qua­li­tät der Pati­en­ten setzt auch die For­schung von Prof. Dr. Man­fred Sched­low­ski an. Er sprach über das Zusam­men­spiel von Psy­che und Wund­hei­lung. Bekannt ist die Ver­bin­dung zwi­schen Gehirn und Immun­sys­tem, dass Stress und chro­ni­sche Belas­tun­gen die Arbeits­wei­se von Immun­zel­len stö­ren und damit die Wund­hei­lung ver­zö­gern. „Aber auch die Erwar­tungs­hal­tung des Pati­en­ten an ein Medi­ka­ment oder die Bezie­hung zwi­schen Pati­ent und Arzt haben Ein­fluss auf das Schmerz­emp­fin­den und die Lebens­qua­li­tät.“ Die­se soge­nann­ten unspe­zi­fi­schen Behand­lungs­ef­fek­te, die nicht durch Arz­nei­mit­tel oder Behand­lun­gen her­vor­ge­ru­fen wer­den, bezeich­nen Wis­sen­schaft­ler als „Pla­ce­boant­wort“. Sie mache bis zu 70 Pro­zent des The­ra­pie-Erfolgs aus. „Wir konn­ten nach­wei­sen, dass eine posi­ti­ve Erwar­tung an ein Medi­ka­ment mit Akti­vi­täts­ver­än­de­run­gen in bestimm­ten Hirn­re­gio­nen kor­re­spon­diert, die schließ­lich auch die Immun­zel­len in den ent­spre­chen­den End­or­ga­nen beein­flus­sen“, erklärt Sched­low­ski.

Das anschlie­ßen­de deutsch­spra­chi­ge Pro­gramm umfass­te ins­ge­samt 44 wis­sen­schaft­li­che Sit­zun­gen mit 130 Vor­trä­gen sowie 4 Key-Ses­si­ons des euro­päi­schen Pro­gramms. 11 der 44 wis­sen­schaft­li­chen Sit­zun­gen und 2 der 4 Key-Ses­si­ons wur­den von den Bei­rä­ten des WundD.A.CHs geplant. Ent­spre­chend infor­mie­ren in die­sen Sit­zun­gen füh­ren­de Exper­ten aus Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz gemein­sam.

Christian Peter, Dr. Maria-Luise Plank und Prof. Dr. Volker Großkopf.
V.l.: Chris­ti­an Peter, Dr. Maria-Lui­se Plank und Prof. Dr. Vol­ker Groß­kopf.Micha­el Schirp

Im juris­ti­schen Ver­an­stal­tungs­teil wur­den unter der Lei­tung von Prof. Dr. Vol­ker Groß­kopf die Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten in den Berei­chen Doku­men­ta­ti­on, Schwei­ge­pflicht und Auf­ga­ben­über­tra­gung her­aus­ge­stellt und dis­ku­tiert. Mit dem Blick auf die Ver­tei­lung der Auf­ga­ben zwi­schen Ärz­ten und Pfle­gen­den plä­dier­te Groß­kopf aus deut­scher Sicht dafür im kon­kre­ten Behand­lungs­set­ting zwi­schen ärzt­li­chem und pfle­ge­ri­schem Per­so­nal einen Kon­sens über die Behand­lungs­mög­lich­kei­ten zu schaf­fen, damit Unstim­mig­kei­ten bezüg­lich der The­ra­pie­wahl nicht zulas­ten des Pati­en­ten gehen.

Ein Vor­schlag, den die bei­den deutsch­spra­chi­gen Kol­le­gen in deren hei­mat­li­che Dis­kus­sio­nen ein­brin­gen wer­den. Der Schwei­zer Rechts­an­walt Chris­ti­an Peter bezog sodann Stel­lung zur Schwei­ge­pflicht: „Bei der Fra­ge, wer Infor­ma­tio­nen bekom­men darf oder nicht, muss man davon aus­ge­hen, dass ledig­lich inner­halb des Behand­lungs­teams Behand­lungs­de­tails wei­ter­ge­ge­ben wer­den dür­fen.“ Inso­weit stellt sich die Situa­ti­on in der D.A.CH.-Region deckungs­gleich dar. Ein gro­ßer Unter­schied wur­de jedoch in dem an die Schwei­ge­pflicht angren­zen­den Rechts­be­reich des Ein­wil­li­gungs­ma­nage­ments offen­bar. Wäh­rend in Deutsch­land und Öster­reich die Ein­wil­li­gung in eine medi­zi­ni­sche Behand­lung grund­sätz­lich nur vom Pati­en­ten selbst erteilt wer­den darf, sieht das schwei­ze­ri­sche Recht in bestimm­ten Fäl­len eine gesetz­li­che Ein­wil­li­gungs­er­mäch­ti­gung für nahe­ste­hen­de Ange­hö­ri­ge vor.

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Dr. Maria-Lui­se Plank, Rechts­an­wäl­tin in Wien, skiz­zier­te sodann die Grund­sät­ze der medi­zi­ni­schen Doku­men­ta­ti­on und wies auf die pro­zes­sua­le Bedeu­tung von Ver­säum­nis­sen in der Ver­schrift­li­chung der Behand­lungs­da­ten hin. Ihre Aus­sa­ge, dass Doku­men­ta­ti­ons­feh­ler die Beweis­last ungüns­tig auf die Sei­te der Wund­be­hand­ler ver­la­gern, ent­spricht nach den Aus­sa­gen Groß­kopfs und Peters auch der Pra­xis in Deutsch­land und der Schweiz. Inter­na­tio­nal über­ein­stim­mend stell­ten die Rechts­ex­per­ten daher die Unver­zicht­bar­keit der Doku­men­ta­ti­on fest und mahn­ten an, die Doku­men­ta­ti­ons­pflicht sorg­fäl­tig wahr­zu­neh­men.

Der medi­zi­ni­sche Kon­gress­teil war durch eine enor­me The­men­band­brei­te gekenn­zeich­net. Neben vie­len klas­si­schen The­men der Wund­ver­sor­gung, wie der Deku­bi­tus­the­ra­pie, dem Dia­be­ti­schen Fuß­syn­drom (DFS), der Wund­in­fek­ti­on oder der Kom­pres­si­ons­be­hand­lung wur­den den Kon­gress­be­su­chern in den beglei­ten­den Semi­na­ren und Work­shops auch zahl­rei­che phar­ma­ko­lo­gi­sche und medi­zin­tech­ni­sche Inno­va­tio­nen zur Behand­lung von chro­ni­schen Wund­pa­ti­en­ten prä­sen­tiert. Bei­spiels­wei­se ist der Mikro­bio­lo­ge Dr. Andre­as Rüf­fer der Fra­ge nach­ge­gan­gen, inwie­weit Pro­bio­ti­ka wie Bifido- und Lak­tobak­te­ri­en bei Wund­hei­lungs­stö­run­gen hel­fen kön­nen. Nach sei­nen Aus­füh­run­gen ist die Kennt­nis über die Art und Zusam­men­set­zung der Darm­flo­ra von chro­ni­schen Wund­pa­ti­en­ten für die Dia­gno­se und Pro­gno­se von nicht zu unter­schät­zen­der Bedeu­tung.

Die spe­zi­fi­schen Pro­blem­la­gen adi­pö­ser Pati­en­ten wur­den vor dem Hin­ter­grund des Zuwach­ses von Erwach­se­nen, die in Deutsch­land unter star­kem Über­ge­wicht lei­den in ver­schie­de­nen Sit­zun­gen the­ma­ti­siert. Das Über­ge­wicht sei auf dem Wege nor­ma­ler als das Norm­ge­wicht zu wer­den. Von medi­zi­ni­scher Sei­te wur­de zuächst attes­tiert, dass Adi­po­si­tas die Ent­wick­lung der arte­ri­el­len Hyper­to­nie und die Mani­fes­tie­rung des Typ-2-Dia­be­tes begüns­tigt. Typi­scher­wei­se sei­en auch die Atmung und Lun­ge bei Adi­po­si­tas beein­träch­tig.

Bemer­kens­wert sei, dass in den Kran­ken­häu­sern in der Ver­gan­gen­heit eine deut­lich höhe­re Zahl adi­pö­ser Pati­en­ten mit Wund­hei­lungs­stö­run­gen oder Ulcus cru­ris zu ver­zeich­nen ist, die die Chir­ur­gen in einer baria­tri­schen Ope­ra­ti­on vor beson­de­re Her­aus­for­de­run­gen stel­le. Län­ge­re OP-Zei­ten, höhe­rer Blut­ver­lust und ein mehr­fach erhöh­tes Risi­ko für post­ope­ra­ti­ve Kom­pli­ka­tio­nen, wie Throm­bo­sen und Infek­tio­nen, sum­mie­ren sich bei den betrof­fe­nen Pati­en­ten zu einem hohen Gesamt­ri­si­ko. Hin­zu kom­me, dass durch die Schwä­chung der Immun­ab­wehr die Wund­hei­lung bei Adi­po­sit­as­pa­ti­en­ten ein häu­fi­ges Pro­blem dar­stel­le und zu einer erhöh­ten Mor­bi­di­tät füh­re. Prä­ven­ti­ve Stra­te­gi­en soll­ten neben einer Opti­mie­rung der Ernäh­rung und prä­ope­ra­ti­ver Anti­bio­ti­ka­pro­phy­la­xen auch eine sorg­fäl­ti­ge Pfle­ge­be­ra­tung und ein effi­zi­en­tes Schnitt­stel­len-Manage­ment zwi­schen den ver­sor­gen­den Ärz­ten und dem Wund­ma­nage­ment beher­zi­gen, so das Cre­do der Adi­po­si­tas-Ple­nen.

Die begleitende Fachmesse lud zum Ausprobieren ein.
Die beglei­ten­de Fach­mes­se lud zum Aus­pro­bie­ren ein.Micha­el Schirp

In berufs­po­li­ti­scher Hin­sicht wur­de das Podi­um des dies­jäh­ri­gen EWMA-Kon­gress genutzt, um Ver­glei­che mit nicht­ärzt­li­chen Berufs­zwei­gen in ande­ren Län­dern zu zie­hen. In den USA, in Kana­da, Groß­bri­tan­ni­en oder den Nie­der­lan­den ist der Berufs­zweig des Phy­si­ci­an Assi­stant (PA) längst eta­bliert, der dele­gier­ba­re Auf­ga­ben des ärzt­li­chen Per­so­nals über­nimmt. „Die Tätig­kei­ten rei­chen von der Ana­mne­seer­he­bung über klei­ne­re chir­ur­gi­sche Ein­grif­fe wie das Wund­de­bri­de­ment bis zur orga­ni­sa­to­ri­schen Lei­tung eines Wund­zen­trums“, sagt Dr. Tho­mas Kar­be, Lei­ter des berufs­be­glei­ten­den PA-Bache­lor­stu­di­en­gangs am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Ham­burg-Eppen­dorf. Seit 2005 wird die Aus­bil­dung zum „Arzt-Assis­ten­ten“ in Deutsch­land ange­bo­ten. „Ganz klar, der Phy­si­ci­an Assi­stant darf und kann den Arzt nicht erset­zen. Aber er kann ihn ent­las­ten“, so Kar­be, der damit die Bedeu­tung des neu­en Berufs­bilds vor dem Hin­ter­grund des aktu­el­len Ärz­te­man­gels her­vor­hebt.

Wel­che Mög­lich­kei­ten die Tele­me­di­zin der Wund­ver­sor­gung bie­tet, dazu prä­sen­tier­te Dr. Peter Lüb­ke in der gleich­na­mi­gen Sit­zung ein Bei­spiel aus der Pra­xis. Seit 2011 arbei­ten er und sei­ne Mit­ar­bei­ter am Wund­zen­trum Mit­tel­sach­sen mit einer Web­an­wen­dung, die Wun­den doku­men­tiert, Behand­lungs­da­ten spei­chert und Ver­sor­ger mit­ein­an­der ver­netzt. „Das Sys­tem läuft auf den Smart­pho­nes unse­rer Wund­schwes­tern, auf den Klink-Desk­tops und ‑Tablets. Je nach Nut­zer­rech­ten kön­nen Ärz­te, Pfle­gen­de und zum Bei­spiel Ortho­pä­die­häu­ser auf die Daten zugrei­fen“, erläu­tert Dr. Lüb­ke. Ein­ge­setzt wird die App, die Kos­ten und Zeit spa­re, bei allen ambu­lan­ten und sta­tio­nä­ren Pati­en­ten.

Wie bereits im ver­gan­ge­nen Jahr wur­de auch in die­sem Jahr wie­der der Ein­satz von Sauer­stoff in der Wund­hei­lung the­ma­ti­siert. Dr. Tho­mas Wild erläu­ter­te in sei­nem Work­shop, war­um die Kör­per­zel­len für die Infekt­ab­wehr und den Gewe­be­auf­bau beson­ders viel Sauer­stoff benö­ti­gen. Dass die soge­nann­te topi­sche Sauer­stoff­the­ra­pie mit­tels Druck­man­schet­ten eine gute, für den Pati­en­ten kom­for­ta­ble, Metho­de ist, um O2-Defi­zi­te auf rela­tiv ein­fa­che Wei­se aus­zu­glei­chen und damit die Wund­hei­lung zu beschleu­ni­gen, prä­sen­tier­ten Mar­ga­re­te Ozimek und Peter Peschel im prak­ti­schen Teil der Ses­si­on.