Berufsbekleidung
Ingo Schaf­fen­berg, Vorstand der Pflege­ge­werk­schaft Bochu­mer­Bund Bild: Michael Schanz

Rechts­de­pe­sche: Sehr geehr­ter Herr Schaf­fen­berg, nach vielen Jahrzenten in der Pflege und Ihren Beobach­tun­gen und Erfah­run­gen: Welchen Stellen­wert messen Sie der Bedeu­tung von Berufs­be­klei­dung in der Pflege zu?

„Berufs­be­klei­dung ist mit Amt verbun­den“

Ingo Schaf­fen­berg: Die Berufs­be­klei­dung ist immer mit einem Amt verbun­den. Sie soll die Zugehö­rig­keit zum Berufs­stand und zum Unter­neh­men signa­li­sie­ren, Kompe­tenz, Vertrauen und Respekt vermit­teln. Sie kennen das selbst aus Ihrem juris­ti­schen Bereich.

Die Robe reprä­sen­tiert die beruf­li­che Stellung und die Würde der Richter und der bei Gericht fungie­ren­den Juris­ten. Vergleich­bar ist die Bedeu­tung der Berufs­klei­dung in Medizin und Pflege. Der Arztkit­tel und der Kasak sind ebenfalls profes­sio­nelle Kleidungs­stü­cke, die die Stellung der Ärzte und Pflege­fach­per­so­nen nach innen und außen dokumen­tie­ren.

Der Dienst am Patien­ten benötigt eine gewisse persön­li­che Distanz. Es handelt sich schließ­lich um Arbeit und nicht um Freizeit. Diese Abgren­zung wird über die Berufs­klei­dung von Ärzten und Pflegen­den herbei­ge­führt.

„Umwelt­bi­lanz eindeu­tig für Mehrweg­klei­dung“

Rechts­de­pe­sche: Was ist Ihre persön­li­che Präfe­renz, bevor­zu­gen Sie Einweg- oder Mehrweg­klei­dung?

Schaf­fen­berg: Nach meinen persön­li­chen Erfah­run­gen auf Inten­siv­sta­tio­nen, im OP, in der Funkti­ons­dia­gnos­tik und der Periphe­rie fällt meine Antwort auf diese Frage eindeu­tig aus: Mehrweg­klei­dung.

Nach eindeu­ti­ger Studi­en­lage fällt die Umwelt­bi­lanz im Gesund­heits­be­reich für das Mehrweg-Textil deutlich besser aus, als für Einweg-Texti­lien. Nachhal­tig­keit im besten Sinne eben. Gerade in diesen vielschich­ti­gen Krisen­zei­ten sollte dieser ökolo­gi­sche Aspekt unbedingt im Auge behal­ten werden.

Rechts­de­pe­sche: Hat die Mehrweg­be­rufs­klei­dung neben diesen Vortei­len für die Umwelt auch einen Mehrwert für die Menschen, die sie tragen?

Schaf­fen­berg: Ja, sie bietet zum einen ein Identi­fi­ka­ti­ons­po­ten­zial mit dem Arbeit­ge­ber. Das Logo oder der Name der Einrich­tung ist meistens gut erkenn­bar auf den Texti­lien aufge­druckt. Mittels der Berufs­klei­dung kann auch der Berufs­stolz Ausdruck finden. „Proude to be a nurse“ ist nicht nur ein Schlag­wort, sondern wird von vielen meiner Kolle­gIn­nen auch so empfun­den.

Die pflege­ri­sche Berufs­klei­dung verkör­pert dies in meinen Augen und hat für mich in diesem Sinne einen absolu­ten Mehrwert. Außer­dem wird über die Berufs­klei­dung eine klare Trenn­li­nie zwischen dem dienst­li­chen und dem priva­ten Leben gezogen.

„8 Kleidungs­sets pro Person für 5 aufein­an­der folgende Dienste“

Rechts­de­pe­sche: Wie viele profes­sio­nelle Kasaks sollte jede Pflege­fach­per­son zur Verfü­gung haben?

Schaf­fen­berg: Sie werden staunen. Ich habe da mal eine kleine Umfrage unter meinen Kolle­gIn­nen gestar­tet. Nehmen wir an, dass fünf Dienste am Stück aufein­an­der folgen und für jeden Dienst frische Wechsel­klei­dung getra­gen werden soll. Wir reden dann also schon einmal von 5 Kleidungs­sets für diese Dienst­zei­ten.

Es versteht sich natür­lich von selbst, dass bei sicht­ba­rer Verschmut­zung oder vermu­te­ter Konta­mi­na­tion zusätz­li­che Wechsel erfol­gen müssen. Der vermel­dete Bedarf aus meiner Umfrage lautete also: wünschens­wert waren 8 Kleidungs­sets pro Person für 5 aufein­an­der folgende Dienste.

Dies deckt sich prinzi­pi­ell auch mit der KRINKO-Empfeh­lung (Komis­sion für Kranken­haus­hy­giene und Infek­ti­ons­pä­ven­tion, die Red.) „Infek­ti­ons­prä­ven­tion im Rahmen der Pflege und Behand­lung von Patien­ten mit übertrag­ba­ren Krank­hei­ten“. Auch hiernach wird es als prakti­ka­bel empfoh­len, den Beschäf­tig­ten in der direk­ten Patien­ten­ver­sor­gung Arbeits­klei­dung in ausrei­chen­der Stück­zahl für den tägli­chen Wechsel zur Verfü­gung zu stellen.

Rechts­de­pe­sche: Entspricht das denn auch der Reali­tät?

Schaf­fen­berg: Leider nein. Meine Reali­tät sieht so aus: Ich kann mir drei Kasaks und drei Hosen abholen, die reichen dann hoffent­lich für drei Tage und wenn die aufge­braucht sind, hab´ ich ein Problem.

„Affront gegen unseren Berufs­stand!“

Rechts­de­pe­sche: Wie bewer­ten Sie es, dass es inzwi­schen immer häufi­ger vorkommt, dass Arbeit­ge­ber ihre Angestell­ten auffor­dern, ihre Dienst­klei­dung zu Hause zu waschen?

Schaf­fen­berg: Das ist eine absolute Frech­heit. Es geht hier natür­lich um die unrecht­mä­ßige Verla­ge­rung von Kosten auf den Arbeit­neh­mer. Ganz klar: der Arbeit­ge­ber hat für die hygie­ni­sche Aufbe­rei­tung der Dienst­klei­dung Sorge zu tragen.

Alles andere ist ein „No-Go“. Es ist eine finan­zi­elle Frech­heit und ein Affront gegen unseren Berufs­tand. Ich bitte Sie: was soll Berufs­klei­dung die mit Blut, Eiter, Stuhl oder Urin beschmiert ist in meiner priva­ten Wasch­ma­schine? Das ist unhygie­nisch ohne Ende. Und es ist eine Respekt­lo­sig­keit, die Bände spricht.

Rechts­de­pe­sche: Könnte in puncto nachhal­ti­ger Umgang mit Arbeits­klei­dung noch mehr erreicht werden, wenn ja, wie könnte die Ampel­ko­ali­tion in Berlin mehr Nachhal­tig­keit in diesem Bereich fördern?

Schaf­fen­berg: Das ist eine schöne Frage. Ich erwähne gerne noch einmal einen eingangs erwähn­ten Begriff: Nachhal­tig­keit. Nehmen wir einmal an, dass ein Kranken­haus seine Wäsche über große Wäsche­reien aufbe­rei­ten lässt. Nach dem Ausschrei­bungs­recht ist es dann doch so, dass der preis­wer­teste Anbie­ter den Zuschlag erhält.

Ein solcher Anbie­ter kann aber auch im europäi­schen Ausland ansäs­sig sein. Mit anderen Worten: LKW beladen mit schmut­zi­ger Berufs­be­klei­dung und anderer Wäsche fahren mitun­ter kreuz und quer durch Europa. Das ist nicht nachhal­tig. Der einzige Punkt, der da tröstet, es ist der preis­wer­teste Anbie­ter. Die Umwelt­be­las­tung aber spricht Bände. Hier kann die Ampel­ko­ali­tion durch­aus positiv einwir­ken.

Aus meiner Sicht wäre es wäre für alle Betei­lig­ten besser, wenn die Berufs­be­klei­dung bei uns im Land gewaschen werden würde, das reduziert den Benzin­ver­brauch und die CO2-Emissio­nen. Ich weiß nicht genau, inwie­weit die Ampel­ko­ali­tion da einwir­ken kann, aber da müssen die sich die Politi­ker dann Gedan­ken machen.

Rechts­de­pe­sche: Sehr geehr­ter Herr Schaf­fen­berg, vielen Dank für das Gespräch!