Sachverhalt

Die zum Scha­den­zeit­punkt 30-jäh­ri­ge Pati­en­tin erlitt eine Mus­kel­ven­en­throm­bo­se unkla­rer Gene­se der rech­ten Wade, wel­che in einer Uni­ver­si­täts­kli­nik behan­delt wur­de. Dort lei­te­te man eine zunächst indi­zier­te Mar­cu­mar-The­ra­pie ein, wel­che unter ent­spre­chen­den Kon­troll­un­ter­su­chun­gen spä­tes­tens nach sechs Mona­ten wie­der abge­setzt wer­den soll­te.

Der inter­nis­tisch täti­ge Haus­arzt setz­te die The­ra­pie über einen Zeit­raum von ins­ge­samt rund neun Mona­ten fort. Er kon­trol­lier­te zwar regel­mä­ßig die Quick-Wer­te, reagier­te jedoch unzu­rei­chend auf erhöh­te Leber­wer­te, nach­dem sich der zunächst von ihm erho­be­ne Ver­dacht auf eine Hepa­ti­tis oder eine Virus­er­kran­kung nicht bestä­tig­te.

In der Fol­ge klag­te die Pati­en­tin über Beschwer­den in Form von Brech­reiz, Völ­le­ge­fühl, Sod­bren­nen und star­ker Abge­schla­gen­heit, wes­halb sie sich noch­mals in der Uni­ver­si­täts­kli­nik vor­stell­te. Die dort durch­ge­führ­te his­to­lo­gi­sche Unter­su­chung zeig­te nekro­ti­sie­ren­de Leber­zell­ver­än­de­run­gen, wel­che schließ­lich zu einer Leber­trans­plan­ta­ti­on führ­ten.

Gerichtliche Entscheidung

Das Land­ge­richt ver­ur­teil­te den Haus­arzt nach Ein­ho­lung meh­re­rer Gerichts­gut­ach­ten ver­schie­de­ner Fach­rich­tun­gen auf wegen fest­ge­stell­ter gro­ber .

Die vom Gericht bestell­ten Gut­ach­ter kamen zu dem Ergeb­nis, dass die Ein­lei­tung der Mar­cu­mar-The­ra­pie durch das Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum und die dort aus­ge­spro­che­ne Emp­feh­lung einer Fort­set­zung der Behand­lung über einen Zeit­raum von sechs Mona­ten bei unkla­rer Ursa­che der Throm­bo­se nicht zu bean­stan­den war. Fest­ge­stellt wur­de hin­ge­gen eine Fehl­be­hand­lung durch den Haus­arzt in zwei­fa­cher Hin­sicht: Für eine Fort­füh­rung der The­ra­pie über einen Zeit­raum von sechs Mona­ten hin­aus bestand kei­ne Indi­ka­ti­on. Zudem waren die durch­ge­führ­ten Kon­troll­un­ter­su­chun­gen unzu­rei­chend.

Nach den Fest­stel­lun­gen der Gerichts­gut­ach­ter sei eine Fort­füh­rung einer Mar­cu­mar-The­ra­pie über sechs Mona­te hin­aus nur in Ein­zel­fäl­len ver­tret­bar und bedür­fe einer Abwä­gung von Nut­zen und Risi­ken. Eine sol­che Abwä­gung sei hier jedoch nicht erfolgt. Eine Ursa­chen­for­schung sowie wei­ter­ge­hen­de Unter­su­chun­gen sei­en nicht durch­ge­führt wor­den.

Der Haus­arzt habe zudem ent­ge­gen der Fach­in­for­ma­ti­on für Mar­cu­mar grob feh­ler­haft kei­ne regel­mä­ßi­gen Leber­funk­ti­ons­prü­fun­gen durch­ge­führt, obwohl die Leber­wer­te erhöht waren und die Pati­en­tin unter Beschwer­den litt, wel­che auf eine schwe­re Leber­pa­ren­chy­mer­kran­kung hin­deu­te­ten. Das Medi­ka­ment hät­te sofort abge­setzt wer­den müs­sen.

In den Gerichts­gut­ach­ten wur­de zudem aus­ge­schlos­sen, dass die Leber bereits vor­ge­schä­digt oder ande­re Medi­ka­men­te für den fest­ge­stell­ten Scha­den ursäch­lich waren. Nach Auf­fas­sung der Gut­ach­ter war es sehr wahr­schein­lich, dass das Leber­ver­sa­gen durch die Mar­cu­mar-The­ra­pie aus­ge­löst wor­den ist. Es wur­de auch fest­ge­stellt, dass die Leber im Fall einer zeit­ge­rech­ten Reak­ti­on auf die erhöh­ten Leber­wer­te hät­te erhal­ten wer­den kön­nen.

Recht­lich füh­ren die von den Gut­ach­tern fest­ge­stell­ten gro­ben zu einer Beweis­last­um­kehr zulas­ten des beklag­ten Haus­arz­tes. Zu sei­ner Ent­las­tung hät­te er nach­wei­sen müs­sen, dass es auch bei Ein­hal­tung aller ärzt­li­chen Sorg­falt zu der fest­ge­stell­ten Schä­di­gung der Leber mit Erfor­der­lich­keit einer Leber­trans­plan­ta­ti­on gekom­men wäre. Ein sol­cher Nach­weis war jedoch nicht mög­lich.

Fol­ge­rich­tig ver­ur­teil­te das Land­ge­richt den Haus­arzt rechts­kräf­tig zu einem Schmer­zens­geld von 40.000 Euro. Zudem wur­de die Ersatz­ver­pflich­tung für künf­ti­ge mate­ri­el­le Schä­den fest­ge­stellt.

An die­ser Stel­le ist kri­tisch anzu­mer­ken, dass das aus­ge­ur­teil­te Schmer­zens­geld ange­sichts der fest­ge­stell­ten Scha­den­fol­gen sehr mode­rat aus­ge­fal­len ist.

Regulierung

Neben dem aus­ge­ur­teil­ten Schmer­zens­geld wird auch künf­tig ein erheb­li­cher mate­ri­el­ler Scha­den zur Ent­ste­hung gelan­gen. In Fol­ge der feh­ler­haf­ten Behand­lung ist die Pati­en­tin zu 100% erwerbs­un­fä­hig. Der Ver­dienst­scha­den beläuft sich vor­lie­gend in hoher sechs­stel­li­ger Höhe. Dar­über hin­aus ist die Pati­en­tin seit­her auch in ihrer Haus­halts­füh­rung ein­ge­schränkt, sodass der ent­ste­hen­de bzw. bereits ent­stan­de­ne Haus­halts­füh­rungs­scha­den zu erstat­ten ist. Zudem sind alle mit einer künf­ti­gen Ver­schlech­te­rung des Gesund­heits­zu­stands im Zusam­men­hang ste­hen­den mate­ri­el­len Auf­wen­dun­gen (Kos­ten einer wei­te­ren Leber­trans­plan­ta­ti­on, ver­mehr­te Haus­halts­füh­rungs­kos­ten, Pfle­ge­kos­ten etc.) zu erset­zen.

Fazit

Bei Fort­füh­rung einer medi­ka­men­tö­sen The­ra­pie über den in den Fach­in­for­ma­tio­nen als üblich ange­nom­me­nen Zeit­raum hin­weg ist zwin­gend eine nach­voll­zieh­ba­re Indi­ka­ti­on zu stel­len und zudem eine Nut­zen-Risi­ko-Abwä­gung durch­zu­füh­ren. In die­sen Ent­schei­dungs­pro­zess ist der Pati­ent unbe­dingt ein­zu­be­zie­hen.

Fer­ner sind bei Fort­set­zung der The­ra­pie alle erfor­der­li­chen Kon­troll­un­ter­su­chun­gen zeit­nah durch­zu­füh­ren und bei Anzei­chen von Neben­wir­kun­gen ist hier­auf umge­hend zu reagie­ren.
Wie der vor­ge­stell­te Fall ein­drucks­voll belegt, kann eine Nicht­be­ach­tung die­ser Anfor­de­run­gen durch den Arzt für den Pati­en­ten schlimms­te und nicht revi­dier­ba­re gesund­heit­li­che Fol­gen haben. Die hier­aus resul­tie­ren­den Scha­den­er­satz­ver­pflich­tun­gen sind immens.