Die hinreichende Lektüre der Arztbriefe muss im Rahmen einer ordnungsgemäßen Praxisorganisation sichergestellt werden.
Die hin­rei­chen­de Lek­tü­re der Arzt­brie­fe muss im Rah­men einer ord­nungs­ge­mä­ßen Pra­xis­or­ga­ni­sa­ti­on sicher­ge­stellt wer­den.© Wave­bre­ak­me­dia Ltd | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Wird ein Pati­ent von Ärz­ten unter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen behan­delt, birgt die Kom­mu­ni­ka­ti­on der unter­ein­an­der die Gefahr von Infor­ma­ti­ons­ver­lust und Miss­ver­ständ­nis­sen. Auch wenn im Pra­xis­all­tag eine Viel­zahl von Arzt­brie­fen ein­geht, ist im Rah­men einer ord­nungs­ge­mä­ßen Pra­xis­or­ga­ni­sa­ti­on sicher­zu­stel­len, dass die­se vom Behand­ler auch zur Kennt­nis genom­men und die ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen berück­sich­tigt wer­den.

Sachverhalt

Der beklag­te Fach­arzt für Anäs­the­sio­lo­gie und Schmerz­the­ra­peut betreu­te die Pati­en­tin wegen meh­re­rer Erkran­kun­gen, unter ande­rem eines Fibro­my­al­gie­syn­droms. Dane­ben litt die Pati­en­tin an einer Osteo­po­ro­se sowie einer Schild­drü­sen­über­funk­ti­on. Der beklag­te Schmerz­the­ra­peut leg­te zu Beginn der Behand­lung einen Medi­ka­men­ten­plan in einem an den Haus­arzt gerich­te­ten Arzt­brief fest. Der Haus­arzt über­nahm im Anschluss die Rezep­tie­rung des Medi­ka­men­ten­pla­nes und ver­ord­ne­te die übri­gen not­wen­di­gen Medi­ka­men­te.

Die Medi­ka­ti­on wur­de über einen Zeit­raum von meh­re­ren Jah­ren unver­än­dert fort­ge­führt. Der beklag­te Arzt gab daher in sei­nen an den Haus­arzt gerich­te­ten Arzt­brie­fen durch­lau­fend als The­ra­pie „Medi­ka­ti­on wei­ter wie bis­her“ an.

Im Jahr 2009 stell­te der Schmerz­the­ra­peut die Medi­ka­ti­on auf­grund eines Wirk­ver­lus­tes um: Ein Medi­ka­ment soll­te durch ein neu­es Prä­pa­rat ersetzt wer­den. In dem dazu ver­fass­ten Arzt­brief an den Haus­arzt gab er nament­lich das neue Prä­pa­rat und des­sen Dosie­rung an sowie den Zusatz „übri­ge The­ra­pie wei­ter wie bis­her“. Für ihn als Spe­zia­lis­ten war klar, dass durch das neue Prä­pa­rat ein ande­res Medi­ka­ment ersetzt wer­den soll­te. Dies war für den Haus­arzt aber nicht offen­sicht­lich. Er ver­ord­ne­te bei­de Medi­ka­men­te neben­ein­an­der. Die Dop­pel­me­di­ka­ti­on blieb dem Schmerz­the­ra­peu­ten über Jah­re unbe­kannt.

Nach Jah­ren erhielt er aller­dings im Zuge einer augen­ärzt­li­chen Behand­lung einen an ihn gerich­te­ten Arzt­brief. Aus den ana­mnes­ti­schen Anga­ben die­ses Arzt­briefs ergab sich die Dop­pel­me­di­ka­ti­on. Der Schmerz­the­ra­peut nahm aber ledig­lich die Dia­gno­se zur Kennt­nis, wel­che nicht in Zusam­men­hang mit den von ihm behan­del­ten Erkran­kun­gen stand. Des­halb wur­de der Arzt­brief zu den Akten gelegt, ohne ihn voll­stän­dig gele­sen zu haben.

Im wei­te­ren Ver­lauf stell­te sich bei der Pati­en­tin eine dau­er­haf­te Schä­di­gung der Nie­ren ein, wel­che kau­sal auf die gleich­zei­ti­ge Ein­nah­me der bei­den Medi­ka­men­te zurück­zu­füh­ren war. Die Schä­di­gung der Nie­ren hät­te noch ver­hin­dert bzw. deut­lich gerin­ger gehal­ten wer­den kön­nen, wenn der Arzt die an ihn gerich­te­ten Infor­ma­tio­nen berück­sich­tigt hät­te.

Rechtliche Würdigung

Auch mit Blick auf die neue Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH, VI ZR 285/17; Urteil vom 26.06.2018) zum Umgang mit Arzt­brie­fen und den dar­in ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen wer­den an den Arzt hohe Anfor­de­run­gen gestellt. So hat er die an ihn gerich­te­ten Arzt­brie­fe voll­stän­dig zur Kennt­nis zu neh­men, selbst wenn die dort behan­del­te Erkran­kung nicht in sein Fach­ge­biet fällt. Die unzu­rei­chen­de Lek­tü­re von Arzt­brie­fen und Befund­be­rich­ten ist vor die­sem Hin­ter­grund als grob feh­ler­haft zu wer­ten mit der Fol­ge, dass die Beweis­last für den ein­ge­tre­te­nen Scha­den von dem Pati­en­ten auf den Arzt über­geht.

Fazit

Der Fall zeigt deut­lich, dass im Rah­men der Zusam­men­ar­beit von Ärz­ten unter­schied­li­cher Fach­rich­tun­gen eine kla­re und ein­deu­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on von ent­schei­den­der Bedeu­tung ist, um Miss­ver­ständ­nis­se mit mög­li­cher­wei­se gra­vie­ren­den Fol­gen für die Pati­en­ten zu ver­mei­den. Arzt­brie­fe soll­ten bes­ser aus­führ­lich als zu knapp for­mu­liert wer­den und der Spe­zia­list soll­te beden­ken, dass das, was für einen Kol­le­gen in sei­nem Fach­ge­biet offen­sicht­lich ist, nicht auch jedem Arzt eines ande­ren Fach­ge­bie­tes geläu­fig sein muss. Auf der ande­ren Sei­te ist die sorg­fäl­ti­ge Lek­tü­re der ein­ge­hen­den Infor­ma­tio­nen unab­ding­bar. Wider­sprü­che und Zwei­fel müs­sen zum Schutz der betrof­fe­nen Pati­en­ten durch aus­rei­chen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Behand­lern aus­ge­räumt wer­den.