Typische Maske zur Narkose
Im vor­lie­gen­den Fall kam es zu einem töd­li­chen Nar­ko­se­zwi­schen­fall.Vita­lii Zubrits­kyi | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

In einem Ärz­te­haus mit ver­schie­de­nen Fach­ärz­ten prak­ti­zier­te auch ein nie­der­ge­las­se­ner Anäs­the­sist. Er war in die jewei­li­gen ambu­lan­ten Ope­ra­tio­nen in den ansäs­si­gen Fach­arzt­pra­xen ein­ge­bun­den. Hier­bei ging er regel­mä­ßig nach einem strik­ten Sche­ma unter Ein­hal­tung eines engen zeit­li­chen Rah­mens vor. Nach­dem die Pati­en­tin im vor­lie­gen­den Fall vom Ope­ra­teur eine vor­be­rei­ten­de Infu­si­on u.a. mit Buscopan und Nov­al­gin erhal­ten hat­te, ver­ab­reich­te der Anäs­the­sist einen hoch dosier­ten Cock­tail an - und Schmerz­me­di­ka­men­ten (Dor­mi­cum, Pro­po­fol, Rapi­fen), um nach eige­ner Aus­sa­ge eine „Anal­go­se­die­rung“ her­bei­zu­füh­ren.

Sachverhalt

Die ver­wen­de­ten Dosen lagen aller­dings unter Berück­sich­ti­gung der Dosie­rungs­emp­feh­lun­gen erheb­lich ober­halb des für eine Sedie­rung Erfor­der­li­chen. Den erreich­ten Zustand hielt der Anäs­the­sist unter Ver­wen­dung meh­re­rer Nach­in­jek­tio­nen mit Pro­po­fol auf­recht. Zudem wur­de die Pati­en­tin mit einer Larynx­mas­ke ver­sorgt. Wäh­rend der wur­de ein EKG nicht abge­lei­tet. Das Puls­oxy­me­ter war auf eine Sauer­stoff­sät­ti­gung von 80 Pro­zent ein­ge­stellt. In der Fol­ge ver­ließ der Anäs­the­sist wäh­rend der die Räum­lich­kei­ten, da die Zeit dräng­te und er bereits die nächs­te Anäs­the­sie in einer ande­ren Pra­xis vor­be­rei­ten woll­te. Da er von einer bal­di­gen Been­di­gung der Ope­ra­ti­on und der aus­ging, ließ er zuvor etwas Luft aus der Larynx­mas­ke ab.

Unbe­merkt von dem Ope­ra­teur, der sei­ne Tätig­keit fort­setz­te, ver­starb die Pati­en­tin an einem medi­ka­men­tös indu­zier­ten Herz- und Kreis­lauf­still­stand. Der zurück­keh­ren­de Anäs­the­sist erkann­te die Situa­ti­on und ver­such­te, die Pati­en­tin zu reani­mie­ren. Erst jetzt ließ er aller­dings die hier­für not­wen­di­gen Gerä­te aus der Anäs­the­sie­pra­xis her­bei­schaf­fen, wodurch wert­vol­le Zeit ver­schenkt wur­de.

Die Reani­ma­ti­on blieb erfolg­los.

Der Anäs­the­sist teil­te spä­ter mit, er sei beim Ver­las­sen des davon aus­ge­gan­gen, dass die Pati­en­tin sich wie­der in der Auf­wach­pha­se befän­de und dass sei­ne Anwe­sen­heit daher nicht mehr benö­tigt wer­de. Außer­dem sei­en der Ope­ra­teur und des­sen erfah­re­ne Arzt­hel­fe­rin zuge­gen gewe­sen, die die Pati­en­tin im Blick gehabt hät­ten.

Rechtliche Beurteilung

Im Rah­men des staats­an­walt­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­rens gegen die bei­den betei­lig­ten Ärz­te zeig­te der medi­zi­ni­sche Gut­ach­ter ver­schie­de­ne Män­gel auf.

So habe es sich vor­lie­gend unab­hän­gig davon, wel­che Bezeich­nung der Anäs­the­sist wähl­te, nicht um eine Anal­go­se­die­rung, son­dern um eine tota­le intra­ve­nö­se Anäs­the­sie (TIVA) gehan­delt. In die­ser Situa­ti­on sei die Pati­en­tin ohne Bewusst­sein und nicht in der Lage, ihre Atem­we­ge selbst offen zu hal­ten. Die gewähl­te Art der Anäs­the­sie mach­te nach Aus­sa­ge des Gut­ach­ters die Füh­rung durch einen Anäs­the­sis­ten erfor­der­lich, da lebens­er­hal­ten­de Refle­xe beein­träch­tigt oder aus­ge­schal­tet sei­en. So sei die kon­ti­nu­ier­li­che Über­wa­chung, Stüt­zung und Auf­recht­erhal­tung vita­ler Organ­funk­tio­nen wie Blut­druck, Atmung und Bewusst­seins­zu­stand durch den Nar­ko­se­arzt unver­zicht­bar. Hier­zu sei­en ein Nar­ko­se­ge­rät mit Moni­tor, ein EKG-Moni­tor, eine nicht inva­si­ve Blut­druck­mes­sung, das kor­rekt ein­ge­stell­te Puls­oxy­me­ter sowie ein Kap­no­me­ter zur Über­prü­fung der aus­ge­at­me­ten CO2-Kon­zen­tra­ti­on erfor­der­lich. Eine Alarm­ein­stel­lung des Oxy­me­ters bei 80 Pro­zent Sauer­stoff­sät­ti­gung sei unzu­rei­chend, da die­ser Wert bereits eine gra­vie­ren­de Man­gel­ver­sor­gung bedeu­te. Die Not­wen­dig­keit der per­ma­nen­ten Über­wa­chung durch einen Anäs­the­sis­ten gel­te auch ins­be­son­de­re für die Ein­lei­tung der Nar­ko­se sowie die ris­kan­te Auf­wach­pha­se. Auf­grund der Dosie­rung der ver­wen­de­ten Medi­ka­men­te habe die Gefahr kar­dio­vas­ku­lä­rer Neben­wir­kun­gen bestan­den. Eine Lebens­ge­fahr für die Pati­en­tin war daher abseh­bar, der aber bei Anwe­sen­heit des Anäs­the­sis­ten wirk­sam hät­te begeg­net wer­den kön­nen. Zudem sei zu berück­sich­ti­gen, dass bei Redu­zie­rung des Drucks der Larynx­mas­ke die­se leich­ter ver­rut­schen und so die Atem­we­ge blo­ckie­ren kön­ne.

Durch sein Ver­las­sen der nar­ko­ti­sier­ten Pati­en­tin hat der Anäs­the­sist nach Auf­fas­sung des Gut­ach­ters sei­ne Pflich­ten erheb­lich ver­letzt und den Tod der Pati­en­tin (mit-)verschuldet.

Außer­dem sei gene­rell eine Not­fall­vor­sor­ge bei der Vor­nah­me ambu­lan­ter Ope­ra­tio­nen sicher­zu­stel­len. Hier­zu gehö­re die appa­ra­ti­ve, medi­ka­men­tö­se und per­so­nel­le Aus­stat­tung sowie die Durch­füh­rung bzw. Teil­nah­me an regel­mä­ßi­gen Schu­lun­gen im Not­fall­ma­nage­ment.

Der den Ein­griff durch­füh­ren­de Arzt und sei­ne Assis­ten­tin waren zeit­lich und fach­lich nicht in der Lage, die Über­wa­chung der Anäs­the­sie zu leis­ten. Sie ver­füg­ten zum einen über kei­ne fach­an­äs­the­sio­lo­gi­sche Qua­li­fi­ka­ti­on. Es gab dar­über hin­aus kei­ner­lei dies­be­züg­li­che Abspra­che zwi­schen dem Anäs­the­sis­ten und dem Ope­ra­teur. Zudem lag des­sen Fokus auf dem Ope­ra­ti­ons­ge­sche­hen. Es stan­den kei­ner­lei Vor­in­for­ma­tio­nen über den Nar­ko­se­ver­lauf zur Ver­fü­gung.

Nach Aus­kunft des Gut­ach­ters hät­te aller­dings der Ope­ra­teur in dem Augen­blick, als der Anäs­the­sist die Pra­xis ver­ließ, die Ope­ra­ti­on unter­bre­chen müs­sen, um Hil­fe zu holen. Er habe sich nicht dar­auf zurück­zie­hen dür­fen, dass es sich hier nicht um sei­nen Ver­ant­wor­tungs­be­reich han­de­le.

Die Geschä­dig­te war ihrem pfle­ge­be­dürf­ti­gen Ehe­mann sowie den bei­den Kin­dern (5 und 8 Jah­re alt) unter­halts­pflich­tig. Es ste­hen Schmer­zens­geld- sowie Unter­halts­an­sprü­che im sechs­stel­li­gen Bereich im Rau­me.

Zudem dro­hen einem oder bei­den betei­lig­ten Ärz­ten straf­recht­li­che Kon­se­quen­zen wegen fahr­läs­si­ger Tötung in Form einer Geld- oder Frei­heits­stra­fe.

[note]Dieser Bei­trag erschien in sei­ner ursprüng­li­chen From erst­ma­lig im Med­Let­ter 10/2014.[/note]