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Der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel muss lebenslang in Haft. Das Landgericht Oldenburg sprach den 42-jährigen nach einem erneuten Mordprozess schuldig.
(Symbol­bild) Der ehema­lige Kranken­pfle­ger Niels Högel muss lebens­lang in Haft. Das Landge­richt Olden­burg sprach den 42-jähri­gen nach einem erneu­ten Mordpro­zess schul­dig.Bild: © Ia64 | Dreamstime.com

Die juris­ti­sche Aufar­bei­tung des schlimms­ten Serien­mor­des in der deutschen Nachkriegs­ge­schichte ist endgül­tig beendet: Das Landge­richt Olden­burg hat den frühe­ren Kranken­pfle­ger Niels Högel wegen des Mordes an 85 Patien­ten schul­dig gespro­chen. Er wurde zu einer lebens­lan­gen Haftstrafe verur­teilt, außer­dem die beson­dere Schwere der Schuld festgestellt.

Der heute 42-jährige frühere Kranken­pfle­ger, der in den Klini­ken Delmen­horst und Olden­burg gearbei­tet hatte, hatte seine Opfer im Alter zwischen 34 und 96 Jahren durch bewusste Medika­men­ten-Überdo­sie­run­gen getötet. Sein eigent­li­ches Motiv war es, sie zunächst in einen lebens­ge­fähr­li­chen Zustand zu verset­zen, um sie wieder­be­le­ben zu können und sich anschlie­ßend als Retter feiern zu lassen. Als Motiv gilt sein ins Krank­hafte gestei­gerte Bedürf­nis nach Anerkennung.

Bereits 2015 war der Mörder wegen insge­samt sechs identisch gelager­ter Fälle zu lebens­lan­ger Haft verur­teilt worden. Im Nachhin­ein kamen jedoch durch nachträg­li­che Unter­su­chun­gen und Obduk­tio­nen weitere mögli­che Opfer zu Tage. Zwischen­zeit­lich ging man davon aus, dass Högel 106 Menschen tötete. Nicht alle Taten sah das Gericht jedoch als zweifels­frei erwie­sen an.

Seit letztem Herbst hatte das Landge­richt die neuen Fälle in insge­samt 24 Verhand­lungs­ta­gen aufge­rollt. Im Prozess selbst hatte die Staats­an­walt­schaft eine Verur­tei­lung wegen 97 Morden gefor­dert. Die Vertei­di­gung ging von 55 Morden und 14 Versu­chen aus und hatte ebenfalls lebens­lange Freiheits­strafe gefor­dert. Der Täter selbst hatte während des aktuel­len Verfah­rens 43 Taten einge­stan­den; an den Rest wollte er sich nicht mehr erinnern können oder hatte die Taten abgestritten.

TV-Team ging auf Spurensuche

Der Fall von Niels Högel ist die mit Abstand größte Mordse­rie in Medizin und Pflege seit Ende des Zweiten Weltkrie­ges. 2003 und 2004 hatte Stephan Letter, der sogenannte „Todes­en­gel von Sontho­fen“, in der namens­ge­ben­den Klein­stadt im bayeri­schen Allgäu mindes­tens 29 Patien­ten per Gift-Injek­tion ermor­det. Als Motiv gab er damals an, seine Opfer aus Mitleid getötet zu haben. Das Gericht kam hinge­gen zur Überzeu­gung, dass er sich zum Gebie­ter über Leben und Tod habe aufschwin­gen wollen.

Der Prozess warf auch deutli­che Streif­lich­ter auf die Situa­tion in der Pflege: Wie konnte es sein, dass der Verur­teilte so lange ungehin­dert agieren konnte? Ein Fernseh­team des ZDF hatte sich 2018 in einer Dokumen­ta­tion auf Spuren­su­che begeben. Der Beitrag „Mord im Kranken­haus“ ist nach wie vor in der Media­thek des Senders abruf­bar.