Vorsorgevollmacht
Nur jeder zwei­te Inten­siv­pa­ti­ent in Deutsch­land ver­fügt über eine oder eine .moritz320/Pixabay.com [CC0 1.0]

Fata­le Fol­gen ohne Voll­macht: Nur jeder zwei­te Inten­siv­pa­ti­ent in Deutsch­land ver­fügt über eine oder eine , so dass Ergeb­nis einer Stu­die des Uni­kli­ni­kums Ham­burg-Eppen­dorf (UKE) unter der Lei­tung von Pro­fes­sor Ste­fan Klu­ge, Prä­si­di­ums­mit­glied der Deut­schen Inter­dis­zi­pli­nä­ren Ver­ei­ni­gung für Inten­siv- und Not­fall­me­di­zin (DIVI) sowie Direk­tor der UKE-Kli­nik für . „Damit kön­nen wir Ärz­te vie­le Pati­en­ten weder juris­tisch abge­si­chert noch zwei­fels­frei in ihrem Sin­ne behan­deln“, sagt Klu­ge.

998 Pati­en­ten auf elf Inten­siv­sta­tio­nen wur­den befragt, nur 51 Pro­zent davon ver­füg­ten ent­we­der über eine Vor­sor­ge­voll­macht oder eine Pati­en­ten­ver­fü­gung. Über­ra­schend auch: 39 Pro­zent der Befrag­ten ohne Doku­ment haben sich noch nie Gedan­ken über die­se The­ma­tik gemacht. Die DIVI for­dert nun von der Gesund­heits­po­li­tik eine bes­se­re Auf­klä­rung der Bevöl­ke­rung. „Auch Kran­ken­kas­sen und Haus­ärz­te sind in der Pflicht, Pati­en­ten zu den not­we­ni­gen Voll­mach­ten umfas­send zu infor­mie­ren“, so Klu­ge.

Anzei­ge
avanti

Die Wis­sen­schaft­ler kom­men noch zu wei­te­ren besorg­nis­er­re­gen­den Ergeb­nis­sen: Bei 40 Pro­zent aller vor­lie­gen­den Vor­sor­ge­voll­mach­ten sowie 44 Pro­zent aller Pati­en­ten­ver­fü­gun­gen lagen unvoll­stän­dig aus­ge­füll­te Doku­men­te vor, die nur schwer oder gar nicht inter­pre­tier­bar waren. Die Unter­su­chung belegt außer­dem, dass ledig­lich 23 Pro­zent der Doku­men­te auch tat­säch­lich im Kran­ken­haus vor­la­gen. „Jeder Bun­des­bür­ger ab dem 18. Lebens­jahr soll­te eine voll­stän­di­ge Vor­sor­ge­voll­macht hin­ter­legt haben. Nur die klärt im Ernst­fall, wer für den erkrank­ten Pati­en­ten in Gesund­heits­fra­gen ent­schei­den darf.“, sagt Klu­ge „So kann auch ein frem­der Betreu­er im Kran­ken­haus ver­mie­den wer­den.“

Bei mangelhafter Vollmacht: Im Zweifel gegen den Patientenwillen

Für den Inten­siv­me­di­zi­ner Klu­ge beleg­te die Stu­die das, was er schon lan­ge bei der täg­li­chen Arbeit beob­ach­tet: Im Ernst­fall wird bei feh­len­der Vor­sor­ge­voll­macht gericht­lich ein Betreu­er für den Pati­en­ten ernannt. Die­ser muss aber nicht unbe­dingt aus dem engs­ten Fami­li­en­kreis stam­men. Es kann auch eine dem Pati­en­ten völ­lig unbe­kann­te Per­son sein. Der Hin­ter­grund ist, dass Inten­siv­pa­ti­en­ten oft­mals auf­grund der Erkran­kungs­schwe­re nicht über inva­si­ve Maß­nah­men auf­ge­klärt wer­den und ihre Zustim­mung geben kön­nen. Übli­cher­wei­se wird daher eine recht­li­che Betreu­ung durch einen nahe­ste­hen­den Ange­hö­ri­gen oder einen Berufs­be­treu­er ein­ge­rich­tet. Eine Vor­sor­ge­voll­macht macht das Ein­set­zen eines gesetz­lich bestimm­ten Betreu­ers ver­zicht­bar. Damit kann der Pati­en­ten­wil­le, sofern er bekannt ist, umge­setzt wer­den.

Medizinisch korrekt: Dokumente müssen Maßnahmen konkret benennen

Eine Pati­en­ten­ver­fü­gung sei laut Klu­ge vor allem für Pati­en­ten mit chro­ni­schen Erkran­kun­gen sinn­voll. „Auch hier müs­sen die kon­kre­ten Maß­nah­men benannt wer­den – zum Bei­spiel die Beatmungs­the­ra­pie bei einem Pati­en­ten mit schwe­rer Lun­gen­er­kran­kung oder die Dia­ly­se bei einem Pati­en­ten mit chro­ni­scher Nie­ren­in­suf­fi­zi­enz“, so der Medi­zi­ner. „Bei einer feh­len­den oder unvoll­stän­di­gen Pati­en­ten­ver­fü­gung sind wir auf das Gespräch mit Ange­hö­ri­gen ange­wie­sen. Bis­lang ist das noch der häu­figs­te Weg, um den Pati­en­ten­wil­len her­aus­zu­fin­den. Pro­ble­ma­tisch ist es nur, wenn selbst engs­te Ange­hö­ri­ge den eigent­li­chen Wunsch des Erkrank­ten nur unsi­cher wie­der­ge­ben kön­nen. „Selbst eine man­gel­haft aus­ge­füll­te oder nicht inter­pre­tier­ba­re Pati­en­ten­ver­fü­gung kann zur Fol­ge haben, dass Ärz­te nicht ein­grei­fen dür­fen und der Pati­ent gegen sei­nen Wil­len mit lebens­er­hal­ten­den Maß­nah­men ver­sorgt wird.“ Klu­ge stell­te mit sei­ner Stu­die fest, dass sich nur knapp über 15 Pro­zent aller Pati­en­ten ärzt­lich bei der Erstel­lung ihrer Pati­en­ten­ver­fü­gung bera­ten las­sen. „Es ist jedoch rat­sam, das Schrift­stück dem Haus­arzt vor­zu­le­gen, um alle Unklar­hei­ten zu besei­ti­gen“, so Klu­ge.

Handlungsbedarf: Patienten muss die Angst genommen werden

Nach den Ergeb­nis­sen der UKE-Stu­die sieht die DIVI aku­ten Hand­lungs­be­darf: „Wenn wir auf die­se War­nung nicht reagie­ren, wer­den die unkla­ren Behand­lungs­ver­hält­nis­se eher zuneh­men“, warnt Klu­ge. Nun müs­se die Gesund­heits­po­li­tik mit einer natio­na­len Initia­ti­ve dafür sor­gen, dass Pati­en­ten jeden Alters über die Not­wen­dig­keit der Vor­sor­ge­voll­macht auf­ge­klärt wer­den. „Auch die Haus­ärz­te sind in der Pflicht, ihre Pati­en­ten beim Ver­fas­sen einer expli­zi­ten, deut­li­chen Pati­en­ten­ver­fü­gung zu unter­stüt­zen“, so Klu­ge. Aller­dings haben Haus­ärz­te im Regel­fall nicht die Mög­lich­keit, die­se zeit­in­ten­si­ve Bera­tung abzu­rech­nen. Das sei ein Pro­blem, so Klu­ge. Pati­en­ten müs­se vor allem die Angst genom­men wer­den, die per­sön­li­chen Doku­men­te durch eine Fach­per­son prü­fen zu las­sen. „Nur so kön­nen wir einen Inten­siv­pa­ti­en­ten behan­deln, wie er es sich wirk­lich wünscht.“