Kosmetische Operation und Aufklärungspflicht
Je weni­ger eine medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on für einen Ein­griff gege­ben ist, des­to höher sind die Anfor­de­run­gen an die ärzt­li­che Auf­klä­rung.Alek­san­dr Markin/Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Patient rügt Behandlungs- und Aufklärungsfehler nach Unterlidkorrektur und Wangenfettanhebung

Kon­kret ging es in dem der Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den Fall um eine kos­me­ti­sche Ope­ra­ti­on, genau­er eine Unter­lid­kor­rek­tur und Wan­gen­fett­an­he­bung (kein Mit­tel­face-Lif­ting), die post­ope­ra­tiv zu ver­schie­de­nen Kom­pli­ka­tio­nen (u.a. Bin­de­haut­rei­zung, Che­mo­se, Horn­haut­flu­or, posi­ti­ve Ero­sio der Horn­haut) führ­te. Für die­se Beschwer­den mach­te der Pati­ent den Ope­ra­teur, einen plas­ti­schen Chir­ur­gen, ver­ant­wort­lich, indem er Behand­lungs- und – wie stets in der­ar­ti­gen Fäl­len – Auf­klä­rungs­feh­ler rügte.

Sowohl das Land­ge­richt als auch das Ober­lan­des­ge­richt ver­nein­ten einen , da kei­ner­lei „Anhalts­punk­te für ein Feh­len der Indi­ka­ti­on, ein tech­nisch feh­ler­haf­tes Vor­ge­hen oder eine unzu­rei­chen­de Nach­sor­ge“ vor­lä­gen. Bei den vom Klä­ger vor­ge­tra­ge­nen Beschwer­den hand­le es sich um „schick­sals­haf­te Fol­gen des Ein­griffs selbst“.

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Unter die­sen Umstän­den erhält die vom Klä­ger erho­be­ne Auf­klä­rungs­rü­ge beson­de­re Bedeu­tung, da damit zum einen die Beweis­last dem Arzt zuge­scho­ben wird und zum ande­ren die Recht­spre­chung an die Auf­klä­rung vor einer kos­me­ti­schen Ope­ra­ti­on „sehr stren­ge Anfor­de­run­gen“ stellt (BGH, MedR 1991, 85 f.). Im Rah­men der „Grund­auf­klä­rung“ – so das OLG Mün­chen – „bei der dem Pati­en­ten ein zutref­fen­der Ein­druck von der Schwe­re des Ein­griffs und den damit – auch für die spä­te­re Lebens­füh­rung – ver­blei­ben­den Belas­tun­gen ver­mit­telt wer­den muss“, sei der „Pati­ent umso aus­führ­li­cher und ein­dring­li­cher über die Erfolgs­aus­sich­ten eines Ein­griffs und etwai­ger schäd­li­cher Fol­gen zu infor­mie­ren, je weni­ger ein ärzt­li­cher Ein­griff medi­zi­nisch gebo­ten ist, was im beson­de­ren Maße für kos­me­ti­sche Ope­ra­tio­nen gilt, die nicht medi­zi­nisch indi­ziert sind, son­dern in ers­ter Linie einem ästhe­ti­schen Bedürf­nis des Pati­en­ten ent­spre­chen. Der Pati­ent muss in einem sol­chen Fall dar­über unter­rich­tet wer­den, wel­che Ver­bes­se­run­gen er güns­tigs­ten­falls erwar­ten kann, und ihm müs­sen etwai­ge Risi­ken, auch eine mög­li­che Ver­schlech­te­rung des Zustands, deut­lich vor Augen gestellt wer­den, damit er genau abwä­gen kann, ob er einen etwai­gen Miss­erfolg des ihn immer­hin belas­ten­den Ein­griffs und dar­über hin­aus sogar blei­ben­de Ent­stel­lun­gen oder gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen in Kauf neh­men will, selbst wenn die­se auch nur ent­fernt als eine Fol­ge des Ein­griffs in Betracht kom­men. Dabei ist aner­kannt, dass der Arzt, der eine kos­me­ti­sche Ope­ra­ti­on durch­führt, sei­nem Pati­en­ten das Für und Wider mit allen Kon­se­quen­zen vor Augen zu stel­len hat“ (BGH, NJW 1991, 2349; OLG Düs­sel­dorf, NJW-RR 2003, 1331).

Die­sen stren­gen Anfor­de­run­gen genüg­te im vor­lie­gen­den Fall die Auf­klä­rung des Arz­tes, wobei aus­drück­lich her­vor­ge­ho­ben wird, dass der von ihm ver­wand­te Dio­med-Auf­klä­rungs­bo­gen „Ope­ra­ti­ve Lidstraffung/Brauenkorrektur“ „aktu­ell und aus­führ­lich“ sei und zusam­men mit den „zuge­füg­ten hand­schrift­li­chen Ergän­zun­gen sämt­li­che rele­van­te Risi­ken des streit­ge­gen­ständ­li­chen Ein­griffs“ abde­cke. Ins­be­son­de­re sei der Pati­ent dar­über auf­ge­klärt wor­den, „dass eine Sym­me­trie nicht garan­tiert wer­den“ kön­ne und die Gefahr einer „Nar­ben­bil­dung, der Tro­cken­heit der Augen und der Stö­rung der Lid­öff­nun­gen“ bestehe.

Je geringer die medizinische Indikation, umso ausführlicher die Aufklärung

All­ge­mein lässt sich daher zum Umfang der bei medi­zi­nisch nicht indi­zier­ten Ein­grif­fen fest­stel­len: Die Pflicht des Arz­tes zur Auf­klä­rung und das Maß die­ser Auf­klä­rung über die Mög­lich­kei­ten schäd­li­cher Fol­gen sind umso weit­ge­hen­der, je weni­ger der Ein­griff aus der Sicht eines ver­nünf­ti­gen Pati­en­ten vor­dring­lich oder gebo­ten erscheint. „Noch weni­ger als sonst ist es selbst­ver­ständ­lich, dass er in Unkennt­nis des­sen, wor­auf er sich ein­lässt, dem ärzt­li­chen Ein­griff zustimmt“ (BGH, MedR 1991, 85 f.). Des­halb ist ein Minus an medi­zi­ni­scher Indi­ka­ti­on durch ein Plus an Auf­klä­rung aus­zu­glei­chen, anders for­mu­liert: Je weni­ger dring­lich und not­wen­dig der Ein­griff, des­to höher und stren­ger sind die Anfor­de­run­gen der Recht­spre­chung in punc­to Aufklärung.

Ver­langt wird inso­weit eine Auf­klä­rung in ange­mes­se­ner Zeit vor der Ope­ra­ti­on „in beson­ders ein­dring­li­cher Wei­se“ (OLG Düs­sel­dorf, VersR 2003, 1579), eine sub­ti­le, deut­li­che, ggf. „dras­ti­sche und scho­nungs­lo­se“ (OLG Bre­men, VersR 2004, 911; OLG Hamm, VersR 2006, 1511, 1512) Auf­klä­rung über alle Ein­zel­hei­ten der Risi­ken, Fol­gen und Miss­erfolgs­quo­ten, da der Pati­ent „vor unüber­leg­ten und vor über­eil­ten Schrit­ten gewarnt“ und unter Umstän­den auch „geschützt wer­den muss“ (Jae­ger, VersR 2006, 1511; zum Gan­zen sie­he auch Ulsen­hei­mer, Zen­tral­blatt für Gynä­ko­lo­gie, 2005, 66 ff., 68 f.). Beson­ders wich­tig erscheint daher der – auch vom OLG Mün­chen her­vor­ge­ho­be­ne – Hin­weis an den Pati­en­ten, dass der Erfolg des Ein­griffs nicht garan­tiert wer­den kann.

Lehr­reich ist die Ent­schei­dung des OLG Mün­chen schließ­lich auch des­halb, weil sie ein­mal mehr zeigt, wie posi­tiv sich das Zusam­men­spiel von Auf­klä­rungs­bo­gen (Vor­ab­infor­ma­ti­on) und des­sen Indi­vi­dua­li­sie­rung durch hand­schrift­li­che Ergän­zun­gen (im Auf­klä­rungs­ge­spräch) für die Beweis­last des Arz­tes auswirkt.