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Katzenbiss
Unter­schät­ze Gefahr: Kat­zen­bis­se kön­nen für Men­schen schwer­wie­gen­de gesund­heit­li­che Fol­gen habenjunniferbaya340 auf pixabay.com [CC0 1.0]
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Kat­zen sind kei­ne Schmu­se- son­dern klei­ne Raub­tie­reSai_peaky auf pixabay.com [CC0 1.0]

Katzenbiss: Drei Wundrevisionen bis zur Amputation

Der Klä­ger wur­de am 2. Juni 2006 von sei­ner Kat­ze am lin­ken Zei­ge­fin­ger gebis­sen und begab sich am Fol­ge­tag in die beklag­te Kli­nik. Nach dem Kat­zen­biss wur­de eine Beu­ge­seh­nen­schei­den­ent­zün­dung dia­gnos­ti­ziert und der Fin­ger noch am sel­ben Abend operiert.

Im OP-Bericht, wel­cher erst rund einen Monat spä­ter erstellt wur­de, heißt es: „Im Ver­lauf des Débri­de­m­ents zeigt sich, dass die Teno­syn­ovia­li­tis bereits nach pro­xi­mal hin vor­an­ge­schrit­ten ist. Daher Ent­schluss zum wei­te­ren ope­ra­ti­ven Vor­ge­hen im Bereich der Hohl­hand. Dazu wird die Schnitt­füh­rung in Rich­tung Kar­pal­ka­nal erweitert.“

Am 6. Juni wur­de der Klä­ger unter rück­läu­fi­gen Ent­zün­dungs­pa­ra­me­tern in die ambu­lan­te Behand­lung ent­las­sen. Am Fol­ge­tag zeig­te sich bei der Kon­troll­un­ter­su­chung eine aus­ge­dehn­te Phleg­mo­ne am Unter­arm, wes­halb sich der Klä­ger einer erneu­ten ope­ra­ti­ven Revi­si­on unter­zog. Zudem wur­de am sel­ben Tag mit einer Anti­bio­se (3 x 2,2 g Aug­men­tan) begonnen.

Am 12. Juni kam es im Rah­men einer „Second-Look-Ope­ra­ti­on“ zu einer neu­er­li­chen Wund­re­vi­si­on. Außer­dem wur­de die Anti­bio­se umge­stellt (3 x 1,5 g Cefa­zo­lin bis zum 16. Juni und danach 2 x 500 g Zinat bis zum 25. Juni 2006).

Da sich die Wund­si­tua­ti­on jedoch nicht bes­ser­te, in der Han­din­nen­flä­che zeig­te sich eine Wund­rand­ne­kro­se, kam es am 15. Juni schließ­lich zur Ampu­ta­ti­on des Fin­gers. Am 20. Juni wur­de eine Spalt­haut­trans­plan­ta­ti­on vom Ober­schen­kel auf Rest­weich­teil­de­fek­te des Unter­arms durch­ge­führt und der Klä­ger am 29. Juni aus der Kli­nik entlassen.

Klage wegen behaupteter Behandlungsfehler und „zu später“ Dokumentation

Seit der Ampu­ta­ti­on lei­det der Klä­ger unter „Phan­tom­schmer­zen“ am feh­len­den Fin­ger, an wit­te­rungs­ab­hän­gi­gen Schmer­zen in der kom­plet­ten lin­ken Hand und über Funk­ti­ons­stö­run­gen, bei­spiels­wei­se beim Tra­gen von Gegenständen.

In ers­ter Instanz behaup­te­te der Klä­ger, es hät­te wäh­rend der Wund­re­vi­sio­nen zwei Behand­lungs­feh­ler gege­ben. Zum einen hät­te die Ope­ra­ti­ons­wun­de am 3. Juni nicht ver­schlos­sen wer­den dür­fen, zum ande­ren hät­te man an die­sem Tag bereits mit der Anti­bio­se begin­nen müssen.

Das Land­ge­richt Hal­le hat die Kla­ge des Man­nes abge­wie­sen (Az.: 6 O 55/09), da ein Behand­lungs­feh­ler aus der Beweis­auf­nah­men nicht hervorgeht.

In sei­ner Beru­fung wie­der­hol­te der Klä­ger die Vor­wür­fe und ergänzt, dass es am 3. Juni kei­ne Schnit­ter­wei­te­rung gege­ben habe. Zudem zwei­felt er den Beweis­wert des OP-Berichts von die­sem Tage an, da die­ser erst einen Monat spä­ter erstellt wor­den ist. Zu die­sem Zeit­punkt habe sich der Klä­ger bereits meh­re­ren Fol­ge­ope­ra­tio­nen unter­zie­hen müssen.

Ordnungsgemäße Dokumentation ist Beweis genug

Auch die Beru­fung vor dem OLG Naum­burg hat­te kei­nen Erfolg (Urteil vom 15.11.2011 – 1 U 31/11). In der Beru­fungs­in­stanz ist allei­ne die Fra­ge rele­vant, ob die Ope­ra­ti­on am 3. Juni wie im Bericht doku­men­tiert und dem­nach stan­dard­ge­mäß, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Erwei­te­rung der Schnitt­füh­rung in Rich­tung Kar­pal­ka­nal, erfolgt ist.

Ob mit der Anti­bio­se schon frü­her hät­te begon­nen wer­den müs­sen, kann im Ergeb­nis dahin­ste­hen. Ob sich an der Ent­zün­dungs­si­tua­ti­on dann etwas geän­dert hät­te, sei ohne­hin nicht fest­zu­stel­len. Der Beginn der Anti­bio­se am 6. Juni ist dem­nach nicht grob feh­ler­haft ein­zu­stu­fen, dem Klä­ger feh­len hier­für die Kausalitätsbeweise.

Zuguns­ten des Klä­gers ist davon aus­zu­ge­hen, dass die OP nur dann stan­dard­ge­mäß erfolgt ist, wenn die doku­men­tier­te Schnit­ter­wei­te­rung tat­säch­lich durch­ge­führt wurde.

Es gilt jedoch der Grund­satz: Einer for­mell und mate­ri­ell ord­nungs­ge­mä­ßen Doku­men­ta­ti­on kann bis zum Beweis der Gegen­teils Glau­ben geschenkt wer­den. Um die Annah­me der Voll­stän­dig­keit zu erschüt­tern, müs­sen kon­kret erkenn­ba­re Anhalts­punk­te vor­lie­gen. Bei­spiel­haft zu nen­nen sind hier­für nach­träg­li­che Ände­run­gen oder das Ver­fas­sen des Berichts mit gro­ßen zeit­li­chem Abstand zur Operation.

Gerügt wird dabei allein der zeit­li­che Abstand von einem Monat zwi­schen Ein­griff und Doku­men­ta­ti­on. In die­sem Fall ist dabei jedoch zu berück­sich­ti­gen, dass der Klä­ger in kur­zen Abstän­den mehr­fach an der sel­ben Stel­le ope­riert wor­den ist und zudem über alle Fol­ge­ein­grif­fe zeit­nah erstell­te Doku­men­ta­tio­nen existieren.

In kei­nem Bericht ist dabei ein Anhalts­punkt zu fin­den, dass die Schnit­ter­wei­te­rung am 3. Juni, wie vom Klä­ger behaup­tet, nicht durch­ge­führt wur­de. Die Schnit­ter­wei­te­rung stellt dabei auch die Vor­aus­set­zung für das Débri­de­ment in der Wund­re­vi­si­on dar, wel­ches somit eben­falls kor­rekt erfolg­te. Somit ist der zeit­li­che Abstand zur Doku­men­ta­ti­on im vor­lie­gen­den Fall nicht urteilslenkend.

Zudem wuss­te der Klä­ger von vorn­her­ein über den Umfang der Wund­re­vi­si­on. Er hät­te die­se somit früh­zei­tig ableh­nen kön­nen. Er bestritt den Umfang der OP jedoch erst, als er erken­nen muss­te, dass er mit den von ihm behaup­te­ten Behand­lungs­feh­lern in ers­ter Gerichts­in­stanz kei­ne Aus­sicht auf Erfolg hatte.

Berufung ohnehin erfolglos

Ob eine bestimm­te Hand­lung, wie hier die Schnit­ter­wei­te­rung, vor­ge­nom­men wur­de oder nicht, ist kei­ne gut­ach­ter­li­che Bewer­tung, son­dern ein Tatbestand.

Dar­aus folgt zum einen: Das Land­ge­richt hat in ers­ter Instanz kei­nen Ver­fah­rens­feh­ler began­gen. Zum ande­ren han­delt es sich bei den Ankla­ge­punk­ten in dem nach Schluss der erst­in­stanz­li­chen Ver­hand­lun­gen ein­ge­gan­ge­nen, nicht nach­ge­las­se­nem Schrift­satz, um ein (aus­ge­schlos­se­nes) neu­es Vor­brin­gen in Bezug auf das Beru­fungs­ver­fah­ren im Sin­ne von § 531 Abs. 2 ZPO.

Der Umstand der unter­blie­be­nen Schnit­ter­wei­te­rung konn­te daher nicht ange­wen­det wer­den, die­sen Vor­wurf hät­te der Klä­ger bereits in ers­ter Instanz vor­brin­gen müs­sen. Die Beru­fung konn­te damit ohne­hin kei­nen Erfolg haben, selbst wenn man von einem Feh­ler in der Wund­re­vi­si­on zuguns­ten des Klä­gers ausgeht.

Quel­le: RDG 2012, 9(4), S. 182ff.