Die Meinungen bezüglich der hessischen Wahl zur Landespflegekammer gehen auseinander.
Die Mei­nun­gen bezüg­lich der hes­si­schen Wahl zur Lan­des­pfle­ge­kam­mer gehen aus­ein­an­der.Ph© Mykhailo Onysh­kiv – Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Für die Befür­wor­ter einer eige­nen berufs­stän­di­schen Ver­tre­tung für Pfle­gen­de bedeu­tet es einen her­ben Rück­schlag. Bei einer lan­des­wei­ten Befra­gung waren in Hes­sen die 65.000 aus­ge­bil­de­ten Alten- und Kran­ken­pfle­ger auf­ge­ru­fen abzu­stim­men, ob jene eine Lan­des­pfle­ge­kam­mer wol­len oder nicht. Dabei haben sie mehr­heit­lich mit Nein gestimmt. 51,1 % ableh­nen­de Stim­men stan­den 42,9 % Befür­wor­tern gegen­über. Weni­ge Tage nach Bekannt­ga­be der Ergeb­nis­se durch das Hes­si­sche Sozi­al- und Inte­gra­ti­ons­mi­nis­te­ri­um sind Ana­ly­se und Bewer­tung des Ergeb­nis­ses nun in vol­lem Gange.

Ein Unter­schied zu vor­an­ge­gan­ge­nen Befra­gun­gen von Pfle­ge­kräf­ten in Rhein­land-Pfalz, Schles­wig-Hol­stein und Nie­der­sach­sen war in Hes­sen, dass laut der Orga­ni­sa­to­ren sämt­li­che Pfle­gen­de ihre Stim­me abge­ben konn­ten – nicht nur eine stich­pro­ben­ar­ti­ge Anzahl. So lief die Abstim­mung im Ein­zel­nen ab: Wie das Hes­si­sche Minis­te­ri­um für Sozia­les und Inte­gra­ti­on (HMSI) auf Anfra­ge der „Rechts­de­pe­sche für das Gesund­heits­we­sen“ erläu­tert, habe das Hes­si­sche Sta­tis­ti­sche Lan­des­amt (HSL) alle Ein­rich­tun­gen und Insti­tu­tio­nen der Alten- und Kran­ken­hil­fe ange­schrie­ben. Jedem Schrei­ben bei­gelegt waren Info-Mate­ria­li­en und so vie­le Zugangs­codes, wie in der jewei­li­gen Ein­rich­tung an Pfle­ge­fach­kräf­ten arbei­ten. Mit jedem die­ser Codes konn­te jeweils ein­ma­lig an der Online-Befra­gung auf der HSL-Web­site teil­ge­nom­men wer­den. „Ins­ge­samt betei­lig­ten sich 7.816 Pfle­ge­kräf­te an der Befra­gung, das ent­spricht einer Rück­lauf­quo­te von 12 %“, infor­miert Mar­kus Bütt­ner, stell­ver­tre­ten­der Pres­se­spre­cher des Ministeriums.

Wäh­rend das Lager der Befür­wor­ter einer Pfle­ge­kam­mer nun das Ergeb­nis bedau­ert, gibt es von dort gleich­zei­tig deut­li­che Kri­tik an der geschil­der­ten Art und Wei­se der Befragung.

DBfK: Abstimmung „völlig übereilt herbeigeführt“ – DPR-Präsident: Jetzt erst recht

„Das Ergeb­nis bestä­tigt wie­der­um, dass Des­in­for­ma­ti­on eher zu einer ableh­nen­den Hal­tung führt“, kom­men­tiert Andrea Kie­fer, Vor­sit­zen­de des Regio­nal­ver­bands Süd­west des Deut­schen Berufs­ver­bands für Pfle­ge­be­ru­fe (DBfK), das Resul­tat. Die Befra­gung sei „völ­lig über­eilt her­bei­ge­führt“ wor­den und im Ver­gleich zu ande­ren Bun­des­län­dern „schlecht auf­ge­setzt und kom­mu­ni­ziert“, kri­ti­siert sie. So hät­te man nicht recht­zei­tig Infor­ma­tio­nen über die Auf­ga­ben und Zie­le einer Pfle­ge­kam­mer ver­brei­ten kön­nen. Auch hät­ten sich Kol­le­gen gemel­det, die vom Hes­si­schen Sta­tis­ti­schen Lan­des­amt – das von Mit­te Juni bis Ende August die Umfra­ge im Auf­trag des Minis­te­ri­ums durch­führ­te – kei­ne Zugangs­da­ten bekom­men hät­ten, um abzu­stim­men, moniert sie.

Ähn­lich äußer­te sich auch Franz Wag­ner, Prä­si­dent des Deut­schen Pfle­gerats (DPR). Die Aus­wahl und Anspra­che der zu Befra­gen­den sei laut der dem Ver­band vor­lie­gen­den Berich­te „chao­tisch“ gewe­sen. Anders als die Orga­ni­sa­to­ren sug­ge­rie­ren wür­den, sei die Umfra­ge daher gera­de nicht als reprä­sen­ta­tiv anzu­se­hen. „Es ist bezeich­nend, dass gera­de die­je­ni­gen, die bei tat­säch­lich reprä­sen­ta­ti­ven Befra­gun­gen mit posi­ti­vem Ergeb­nis pro Pfle­ge­kam­mer immer deren Aus­sa­ge­kraft bezwei­felt haben, jetzt auf der Basis die­ser Zah­len einen Beweis gegen die Kam­mer­grün­dung erbracht sehen“, fuhr er fort. Und: „Wenn bestimm­te Leu­te sol­che Angst vor Pfle­ge­kam­mern haben, ist das gera­de­zu eine Emp­feh­lung, das Ziel wei­ter zu verfolgen.“

Arbeitgeber und Gewerkschaft in seltener Einmut

Dage­gen begrü­ßen erwar­tungs­ge­mäß der Bun­des­ver­band pri­va­ter Anbie­ter sozia­ler Diens­te (bpa), der bun­des­wei­te Arbeit­ge­ber­ver­band Pfle­ge sowie der hes­si­sche Lan­des­be­zirk von ver.di das ableh­nen­de Votum aus Hes­sen. Wenn die Lan­des­re­gie­rung das Ergeb­nis nun auch ernst neh­me, „ist die Idee einer Pflicht-Pfle­ge­kam­mer in Hes­sen Geschich­te“, heißt es in der Ver­laut­ba­rung des bpa. Statt einer „neu­en Mam­mut­be­hör­de“ bräuch­ten die Pfle­gen­den viel­mehr eine schnel­le Ent­las­tung durch ver­läss­li­che Rah­men­be­din­gun­gen und Rekru­tie­rung von Pfle­ge­kräf­ten aus dem Ausland.

„Kräf­ti­ger hät­te der Pau­ken­schlag kaum aus­fal­len kön­nen“, resü­mie­ren der­weil die Arbeit­ge­ber. Sie wer­te­ten die vor­an­ge­gan­ge­nen Befra­gun­gen in Rhein­land-Pfalz, Schles­wig-Hol­stein und Nie­der­sach­sen als „höchst frag­wür­dig“ und von poli­ti­schen Wil­len beein­flusst, „um ein dort von den jewei­li­gen Lan­des­re­gie­run­gen poli­tisch gewoll­tes Ja buch­stäb­lich hin­zu­frie­meln“, hieß es. Nun müss­ten Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn und sein Pfle­ge­staats­se­kre­tär Andre­as Wes­ter­fell­haus inne­hal­ten und akzep­tie­ren, „dass vor allem die aller­meis­ten Alten­pfle­ger eine sol­che Zwangs­be­glü­ckung nicht wol­len“. In sel­te­ner Einig­keit stimmt da auch ver.di ein. „Pfle­ge braucht auch in Hes­sen Auf­wer­tung und Ent­las­tung durch gute Arbeits­be­din­gun­gen, ver­bind­li­che Per­so­nal­min­dest­stan­dards und ange­mes­se­ne Bezah­lung. Dafür müs­sen die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen und die Arbeit­ge­ber sor­gen“, so Georg Schul­ze-Zie­haus, Lei­ter des Fach­be­reichs Gesund­heit bei ver.di in Hes­sen. „Statt auf eine Pfle­ge­kam­mer mit ver­pflich­ten­der Mit­glied­schaft set­zen wir auf das frei­wil­li­ge Enga­ge­ment von Pfle­ge­kräf­ten für bes­se­re Arbeits­be­din­gun­gen. Die hes­si­schen Pfle­ge­kräf­te sehen das mehr­heit­lich offen­bar genauso.“

Quel­le: Hes­si­sches Minis­te­ri­um für Sozia­les und Inte­gra­ti­on, DBfK, DPR, bpa, ver­di, AGVP