Gesellschaft
Buch „Das eigene Maß“ Bild: Edigo-Verlag Köln

Wir sind umgeben von Fitness­tips, Modediä­ten wie Atkins oder Low-Carb und Ernäh­rungs­trends wie dem „Inter­vall­fas­ten“ oder einer festen Zahl von Mahlzei­ten pro Tag. Manche zählen Punkte oder Kalorien, essen vegeta­risch oder vegan, bio oder makro­bio­tisch – und erlau­ben sich Regel­brü­che ledig­lich zu ihren definier­ten „Cheat Days“, oder bei der ungeplan­ten abend­li­chen Attacke auf die Kühlschrank-Vorräte.

Spezi­al­sor­ti­mente etwa an gluten- oder lakto­se­frei bewor­be­nen Lebens­mit­teln dominie­ren mittler­weile ganze Super­markt-Regal­rei­hen – weit über den Bedarf der tatsäch­lich von einer solchen Aller­gie oder Unver­träg­lich­keit Betrof­fe­nen hinaus. Und rund 85 Prozent der Bundes­bür­ger, so das Ergeb­nis der Studie „So is(s)t Deutsch­land“ des Meinungs­for­schungs­in­sti­tuts Allens­bach im Auftrag von Nestlé, würden sich gerne anders ernäh­ren, als sie es derzeit tun: Das Phäno­men der Orthor­e­xie, der zwang­haf­ten Fixie­rung auf „gesun­des“ Essen und das Befol­gen von Ernäh­rungs­re­geln, hat die Gesell­schaft fest im Griff – davon sind auch Margrit Hassel­mann und Irena Rasimus überzeugt.

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Margrit Hassel­mann, Co-Autorin „Das eigene Maß“ Bild: Thomas Schütze

„Wir machen uns ständig Gedan­ken über Ernäh­rung, probie­ren neue Diäten aus und richten uns an unrea­lis­ti­schen Vorbil­dern aus“, so Hassel­mann. Und die Corona­pan­de­mie habe auch hier alles noch schlim­mer gemacht. „Ein Effekt durch Corona war die stärkere Konzen­tra­tion auf die Selbst­op­ti­mie­rung. Denn das war eines der wenigen Themen, die man noch selbst kontrol­lie­ren konnte, während um einen herum viele gewohnte Struk­tu­ren wegfie­len.“

Die Pädago­gin, Referen­tin für Sucht­prä­ven­tion und syste­mi­sche Thera­peu­tin aus Bremen ist Gründe­rin des „Insti­tuts für Verän­de­rung“, in dem sie Trainings, Coachings, Super­vi­sio­nen, Präven­ti­ons­pro­jekte und Werkstät­ten durch­führt. Bis 2018 gehörte sie dem Exper­ten­gre­mium zu Essstö­run­gen des Bundes-Gesund­heits­mi­nis­te­ri­ums und der Bundes­zen­trale für gesund­heit­li­che Aufklä­rung (BZgA) an.

Zusam­men mit der Kommu­ni­ka­ti­ons­de­si­gne­rin und Fachjour­na­lis­tin Irina Rasimus hat sie ihr Buch „Das eigene Maß – Zwischen Essen, Hungern und Idealen“ vorge­legt. „Der Titel bezieht sich darauf, dass man sich nicht von sich selbst entfrem­den sollte, um irgend­wel­chen Ernäh­rungs-Päpsten hinter­her­zu­lau­fen“, erläu­tert Rasimus.

Wenn Pande­mie-geschä­digte Jugend­li­che auf durch­trai­nierte Influen­cer treffen…

Das knapp 250-seitige Werk beginnt mit eine Bestands­auf­nahme des Schla­mas­sels: Von den Gründen und Motiven, warum wir essen, über die großen Versu­chun­gen des Marktes mitsamt seiner aufbe­rei­te­ten und verar­bei­te­ten Lebens­mit­tel, dem Überan­ge­bot in den Läden, dem zuneh­men­den Stress und Erfolgs­druck in der Gesell­schaft, der zu zusätz­li­chem Essen – oder dem glatten Gegen­teil – führen kann, bis zur unheil­vol­len Rolle der sozia­len Medien.

„Gerade Insta­gram & Co. haben ihren Beitrag dazu, dass jüngere Menschen in eine Essstö­rung abglei­ten“, ist Rasimus überzeugt. „Denn die durch die Pande­mie ohnehin schon geschä­dig­ten Jugend­li­chen treffen dort auf top-gestylte und durch­trai­nierte Influen­ce­rin­nen und Influen­cer, denen es schein­bar immer bestens geht.“

Dass die Essens­pro­ble­ma­tik bereits im Jugend­al­ter eine Rolle spielt, und gerade Corona die Lage massiv verschlim­mert hat, belegen mehrere Studien: Laut des Kinder- und Jugend­be­richts 10/2022 des gesetz­li­chen Kranken­ver­si­che­rers DAK habe es im Jahr 2021 bei 15- bis 17-jähri­gen Mädchen mehr als 50 Prozent mehr Fälle von diagnos­ti­zier­ten Essstö­run­gen als noch 2019 gegeben, bei 10- bis 14-jähri­gen Mädchen immer­hin noch ein Drittel mehr.

Bei Jungen seien deutlich häufi­ger Adipo­si­tas-Fälle zu beobach­ten. Überge­wicht wiederum steigert die Wahrschein­lich­keit, an Depres­sio­nen zu erkran­ken. Hierun­ter leiden laut der Unter­su­chung bereits 27 Prozent der Kinder und Jugend­li­chen – also mehr als jede und jeder Vierte!

Gesunde Verhal­tens­wei­sen können sich von selbst einstel­len

Im weite­ren Verlauf des Buches gehen die beiden auf die Formen von Essstö­run­gen ein, die spezi­el­len Einflüsse von Geschlecht und Alter, räumen mit verbrei­te­ten Ernäh­rungs-Irrtü­mern auf – bis zum großen, namens­ge­ben­den Schluss­ka­pi­tel „Das eigene Maß“, das einem dabei hilft, eine eigene, gesunde Bezie­hung zur Ernäh­rung aufzu­bauen und worauf man dabei alles achten sollte.

Knapp zwei Jahre haben die beiden an ihrem Werk geschrie­ben, auch beein­flusst durch die Pande­mie. Ein entspann­tes Verhält­nis zum Essen und Trinken zahle sich schnell aus, so Rasimus. „Wenn eine gewisse Körper­zu­frie­den­heit da ist, ist es wahrschein­lich, dass sich gesunde Verhal­tens­wei­sen von selbst einstel­len.“

Margrit Hassel­mann / Irina Rasimus: „Das eigene Maß. Zwischen Essen, Hungern und Idealen.“ Edigo-Verlag, Köln. 1. Auflage 2022. ISBN: 978–3‑949104–02‑2.