Qualifikationsmix
Pflege­kräfte im Zusam­men­spiel in der Notauf­nahme Bild: Rawpixelimages/Dreamstime.com

Quali­fi­ka­ti­ons­mix – die Lösung schlecht­hin? Der Pflege­not­stand ist seit Jahren Reali­tät. Die Branche befin­det sich in einem Teufels­kreis: Es gibt nicht genug Perso­nal, dadurch wird der Druck auf jede einzelne Pflege­kraft höher, dadurch verlas­sen viele Pflegende den Beruf oder reduzie­ren ihre Arbeits­zeit, so gibt es noch weniger Perso­nal … und die Spirale dreht sich weiter.

Gleich­zei­tig müssten viele Klini­ken dringend moder­ni­siert werden, was sich ebenfalls negativ auf die Arbeits­be­din­gun­gen auswirkt.

Ein Ansatz, die pflege­ri­sche Versor­gung durch effizi­en­tere Zusam­men­stel­lung von Pflege­teams zu verbes­sern, ist der Quali­fi­ka­ti­ons- oder Skill­mix. Hierbei werden Patien­ten von Pflegen­den mit unter­schied­li­chen Quali­fi­ka­tio­nen – ob Pflege­hilfs­kraft, Pflege­fach­kraft, Bache­lor- oder Master­ab­schluss – gemein­sam betreut.

So kann eine adäquate Versor­gung von pflege­be­dürf­ti­gen Menschen bei immer komple­xe­ren Pflege­si­tua­tio­nen geleis­tet werden.

Akade­mi­sie­rung weg vom Kranken­bett?

Schon seit langem fordern Berufs­ver­bände eine stärkere Akade­mi­sie­rung der Pflege. Durch diese lässt sich nachweis­lich eine Senkung der Morta­li­tät errei­chen.

Aber auch die Attrak­ti­vi­tät des Pflege­be­ru­fes würde gestärkt: Mit steigen­der Verant­wor­tung sind auch andere Karrie­re­schritte möglich – und nicht zuletzt eine höhere Bezah­lung. Gleich­zei­tig befürch­ten Kriti­ker, dass eine stärkere Akade­mi­sie­rung die Probleme im Pflege­all­tag nicht löst. Da der Pflege­be­darf stetig ansteigt, so die Argumen­ta­tion, sollte der Zugang zum Beruf auf gar keinen Fall exklu­si­ver werden.

Dieser Konflikt lässt sich durch Kompe­tenz-Teams mit unter­schied­li­chen Quali­fi­ka­tio­nen auflö­sen. Im Team werden Aufga­ben entspre­chend der Quali­fi­ka­tion verteilt, wodurch jede Pflege­kraft entspre­chend der eigenen Ausbil­dung einge­setzt werden kann.

Wie das Konzept in der Praxis funktio­niert, hat das Deutsche Insti­tut für angewandte Pflege im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung unter­sucht. Im Förder­pro­gramm „360 Grad Pflege“ wurden unter­schied­li­che Projekt­ein­rich­tun­gen bei der Entwick­lung und Umset­zung des Quali­fi­ka­ti­ons­mi­xes beglei­tet.

Quali­fi­ka­ti­ons­mix: Ohne Wertschät­zung geht es nicht

Eine zentrale Erkennt­nis des Projek­tes war dabei die große Rolle, die klassi­sche Manage­ment-Techni­ken beim Erfolg des neuen Perso­nal­kon­zep­tes spielen. Denn ohne Wertschät­zung geht es nicht. Oft sind gerade Pflege­hilfs­kräfte misstrau­isch gegen­über Kolle­gen mit akade­mi­scher Ausbil­dung.

Die Robert-Bosch-Stiftung betont deshalb, dass der Erfolg des Quali­fi­ka­ti­ons­mi­xes vom gleich­be­rech­tig­ten Umgang der Teammit­glie­der abhängt: „Jede Quali­fi­ka­tion im Team hat ihre Berech­ti­gung und wird von allen anerkannt! Ein bewuss­ter und konstruk­ti­ver Umgang mit Unter­schie­den ist notwen­dig. Neue Hierar­chien sollten jedoch möglichst vermie­den werden.

Ein erfolg­rei­cher Quali­fi­ka­ti­ons­mix führt dazu, dass für jede Quali­fi­ka­ti­ons­stufe – von den Assis­tenz­be­ru­fen bis zur akade­mi­sier­ten Pflege – ein attrak­ti­ves Aufga­ben­feld in der direk­ten Versor­gung von Menschen mit Pflege­be­darf geschaf­fen wird.“

Der Quali­fi­ka­ti­ons­mix muss es also schaf­fen, alle Mitglie­der des Pflege­teams zu integrie­ren. Im Ideal­fall gehen sie offen aufein­an­der zu, geben Wissen weiter und lernen so vonein­an­der.

Das funktio­niert aber nur, wenn die Führungs­etage das Konzept aktiv unter­stützt. Das bedeu­tet eine entspre­chende Ausrich­tung der Perso­nal­ent­wick­lung und eine flexi­ble Organi­sa­ti­ons­kul­tur, die mit Vorbe­hal­ten in den Berufs­grup­pen offen umgeht. Am Wichtigs­ten ist aber die Mitspra­che der Pflegen­den selbst: Neben ärztli­cher und kaufmän­ni­scher Führung sollte auch die Pflege auf allen Hierar­chie­stu­fen der Einrich­tung vertre­ten sein.

Quali­fi­ka­ti­ons­mix: Der Praxis­test auf der Inten­siv­sta­tion

Nadine Hobuß, Inten­siv­pfle­ge­rin an der Charité Berlin, berich­tete im Rahmen des 45. Deutschen Kranken­haus­ta­ges von ihren Erfah­run­gen mit Teams aus unter­schied­lich quali­fi­zier­ten Pflege­kräf­ten. Um die inten­siv­me­di­zi­ni­sche Versor­gung während der zweiten Welle der Corona­pan­de­mie zu gewähr­leis­ten, wurden nicht nur Fachkräfte aus anderen Berei­chen – OP, Anästhe­sie oder Ambulanz – einge­setzt.

Auch Service­kräfte, Studie­rende oder externe Freiwil­lige unter­stütz­ten die Inten­siv­pflege. Dabei wurde unter­schie­den zwischen Level 1 (Menschen ohne Pflege­fach­kennt­nisse), Level 2 (Fachkräfte ohne Inten­siv-Erfah­rung) und Level 3 (Fachkräfte mit Inten­siv-Erfah­rung). Das angestrebte Versor­gungs­ver­hält­nis von vier Patien­ten zu drei Pflege­kräf­ten – jeweils einer aus jedem Level – lies sich nicht ganz errei­chen, da die drei Quali­fi­ka­ti­ons­le­vel zu unter­schied­lich vertre­ten waren.

Hobuß sieht das Experi­ment als Erfolg an. Zwar gab es einige Heraus­for­de­run­gen: Die Zeit für Einar­bei­tung fehlte oft, was beson­ders bei Teammit­glie­dern auf Level 1 oder 2 zu Überfor­de­rung führte. Fachkräfte auf Level 3 waren sich oft nicht im Klaren darüber, welche Aufga­ben sie abgeben konnten. So waren deutlich mehr Abspra­chen notwen­dig.

Rollen­ver­lust als Gefahr?

Viele Betei­ligte erleb­ten ein Gefühl des Rollen­ver­lus­tes: Auch Fachkräfte fühlten sich im fremden Bereich nicht so sicher wie gewohnt. Nicht zuletzt waren die neuen Kolle­gen anfangs eine unbekannte Größe, der Teamgeist musste sich erst finden.

Als vorteil­haft beschreibt Hobuß die starke Hilfbe­reit­schaft und Toleranz in den Teams. Verstärkt durch die Lockdown-Situa­tion waren viele Teammit­glie­der bereit, länger auf Station zu bleiben – so ergaben sich spontane Nachbe­spre­chun­gen und dadurch ein besse­rer Infor­ma­ti­ons­aus­tausch.

Auch die Relevanz der eigenen Tätig­keit zur Bewäl­ti­gung der Pande­mie half bei der Teambil­dung. Eine beson­dere Art der Fortbil­dung war dabei das sogenannte Skill­zim­mer.

In kleinen Lerngrup­pen fanden in verschie­de­nen Zimmern 90—minütige Praxis­work­shops statt, zum Beispiel zur Beatmung oder verschie­de­nen Geräten. Insge­samt hat sich, so Hobuß, der Quali­fi­ka­ti­ons­mix in der dynami­schen Krisen­si­tua­tion gut bewährt.