Rechts­de­pe­sche: Die Heil­kun­de­über­tra­gungs­richt­li­nie hat inzwi­schen auch die Prü­fung durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Gesund­heit pas­siert und kann nun in Modell­vor­ha­ben umge­setzt wer­den. Sind Sie mit dem Ergeb­nis zufrie­den?

Höfert: Die Kar­di­nal­for­de­rung des Deut­schen Pfle­gera­tes und sei­ner Mit­glieds­ver­bän­de ist lei­der nicht erfüllt, denn die Richt­li­nie ist ledig­lich eine berufs­recht­li­che Norm mit Kom­pe­tenz­de­fi­ni­tio­nen der inter­dis­zi­pli­nä­ren Eigen- und Mit­ver­ant­wor­tung. Es ist sozu­sa­gen ein Modul auf den Weg gege­ben wor­den. Wenn­gleich es sehr lan­ge gedau­ert hat – immer­hin kann nun end­lich eine modell­haf­te Erpro­bung der Erwei­te­rung der Pfle­ge­ver­ant­wor­tung erfol­gen.

Rechts­de­pe­sche: Ein Teil der Fach­welt strei­tet wei­ter­hin dar­über, ob es sich bei dem Auf­ga­ben­spek­trum der Heil­kun­de­über­tra­gungs­richt­li­nie um eine wei­te­re Spiel­art der Dele­ga­ti­on oder eine ech­te Sub­sti­tu­ti­on ärzt­li­cher Auf­ga­ben han­delt. Der Gemein­sa­me Bun­desau­schuss (G‑BA) hat die­se Fra­ge ja geschickt umgan­gen. Wie ist Ihre Mei­nung dazu?

Höfert: Bereits kurz nach der Ver­öf­fent­li­chung der Richt­li­nie sind die Bun­des­ärz­te­kam­mer und eini­ge ärzt­li­che Fach­ge­sell­schaf­ten vom Weg der Koope­ra­ti­on auf den Kurs der Kon­fron­ta­ti­on geschwenkt. Ich erken­ne in der Richt­li­nie einen Ansatz zur Ver­bes­se­rung der Ver­sor­gungs­struk­tur und Leis­tungs­qua­li­tät im Sin­ne der Ver­si­cher­ten – vor allem im länd­li­chen Bereich. Wir haben es mit einem part­ner­schaft­li­chen Instru­ment auf Augen­hö­he zu tun.

Rechts­de­pe­sche: Die Über­nah­me der im Sin­ne der Richt­li­nie soll auch mit einer Aus­wei­tung der der Pfle­ge­fach­kräf­te ein­her­ge­hen. Kann dies als Zei­chen gewer­tet wer­den, die Pfle­ge­aus­bil­dung zukünf­tig an Hoch­schu­len zu ver­or­ten?

Höfert: Die seit dem 1. März 2012 vor­lie­gen­den Eck­punk­te der Bund-Län­der-Arbeits­grup­pe für ein neu­es Pfle­ge­be­ru­fe­ge­setz grei­fen die­sen Punkt eben­falls auf. Denn hier wer­den ja auch Tätig­kei­ten zur selbst­stän­di­gen Aus­übung von ent­spre­chend denen in § 63 Abs. 3c SGB V abge­bil­det. Deut­lich tritt der Ansatz her­vor, dass die erfor­der­li­che Aus­bil­dung im Rah­men einer aka­de­mi­schen erwor­ben wer­den soll und kann. Dar­um emp­feh­le ich – bevor wir uns lan­ge in Modell­pha­sen bewe­gen – mög­lichst noch in die­ser Legis­la­tur­pe­ri­ode das Pfle­ge­be­ru­fe­ge­setz zu ver­ab­schie­den. War­um sol­len wir schat­ten­wei­se Modell­pro­jek­te fah­ren?

Rechts­de­pe­sche: Mit der Über­tra­gung der Heil­kun­de geht auch eine Ver­än­de­rung der Ver­ant­wor­tungs­sphä­ren von Arzt und Pfle­ge­kraft ein­her. Wer haf­tet, wenn eine heil­kund­li­che Auf­ga­be von einer Pfle­ge­kraft feh­ler­haft aus­ge­führt wird?

Höfert: Vie­le Auf­ga­ben, die in der Richt­li­nie vor­ge­se­hen sind, wer­den ja bereits jetzt von pfle­ge­ri­schen Exper­ten fak­tisch wahr­ge­nom­men, zum Bei­spiel im Wund­ma­nage­ment oder der Dia­be­tes­be­ra­tung. Die Haf­tung wird sich auch zukünf­tig an den Kri­te­ri­en Orga­ni­sa­ti­on, Anord­nung und Durch­füh­rung aus­rich­ten.

Rechts­de­pe­sche: Hal­ten Sie den bis­lang ange­bo­te­nen Ver­si­che­rungs­schutz für aus­rei­chend?

Höfert: Die bis­he­ri­ge Aus­rich­tung der Haft­pflicht ist unter Berück­sich­ti­gung der neu­en Auf­ga­ben­struk­tu­ren auf den Prüf­stand zu stel­len. Ver­si­che­rungs­recht­lich muss das erhöh­te Risi­ko der erwei­ter­ten Auf­ga­ben­wahr­neh­mung unbe­dingt abge­klärt und abge­deckt sein. Jeder ein­zel­ne ist da auf­ge­ru­fen sich mit sei­ner Ver­si­che­rung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ohne Fra­ge ist der Ver­si­che­rungs­schutz für alle pfle­ge­ri­sche Tätig­kei­ten von her­aus­ra­gen­der Bedeu­tung.

Rechts­de­pe­sche: Gesetzt den Fall Modell­vor­ha­ben nach § 63 Abs. 3c SGB V wür­den erfolg­reich durch­ge­führt und in die Regel­ver­sor­gung über­nom­men – wie wür­de sich das Ver­hält­nis der neu­en Pfle­ge­fach­kräf­te zu den bis­he­ri­gen Pfle­gen­den Ihrer Mei­nung nach gestal­ten?

Höfert: Es bedarf kla­rer Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren und Dienst­an­wei­sun­gen unter Abbil­dung der ver­schie­de­nen Qua­li­fi­ka­tio­nen. Letzt­lich ist der Qua­li­fi­ka­ti­ons­mix im Pfle­ge­dienst aber nichts Neu­es. Wir haben Pfle­ge­wis­sen­schaft­ler, drei­jäh­rig exami­nier­te Pfle­ge­kräf­te, Case Mana­ger, Pfle­ge­as­sis­ten­ten, Pfle­ge­hel­fer und ande­re mehr. Bei der Orga­ni­sa­ti­on des Zusam­men­wir­kens sind die Trä­ger gefor­dert. Die Ver­mei­dung von Rei­bungs­ver­lus­ten liegt schließ­lich auch in deren Inter­es­se. Als Ver­tre­ter des sage ich klar: Die kol­le­gia­le Auf­stel­lung der Pfle­ge dürf­te in die­sem Jahr­tau­send kein The­ma mehr sein.

Rechts­de­pe­sche: Wür­de die Eta­blie­rung von Pfle­ge­fach­kräf­ten im Sin­ne der Richt­li­nie nicht letzt­lich auch einen wei­te­ren Schritt in Rich­tung Pfle­ge­kam­mer bedeu­ten – allein schon um eine Qua­li­täts­si­che­rung zu garan­tie­ren?

Höfert: Auf alle Fäl­le. Das höchs­te Ziel ist die qua­li­täts­ori­en­tier­te Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung und eine beruf­li­che Sicher­heit für die Pfle­gen­den. Die­se Ele­men­te haben die Idee der Pfle­ge­kam­mer und die erwei­ter­ten Auf­ga­ben­spek­tren gemein.

Das Inter­view führ­te Micha­el Schanz.