Simon Eggert, Leiter des Bereichs Analyse bei der Stiftung ZQP über pflegende Angehörige
Simon Eggert, Lei­ter des Bereichs Ana­ly­se bei der Stif­tung über Lau­rence Cha­pe­ron

Herr Eggert, Ihre , über die die Rechtsdepesche letzte Woche bereits berichtet hat, zeichnet ein sich verschlechterndes Bild der häuslichen Pflege in Deutschland durch die -Situation. Werden die von Ihnen gemessenen Überforderungsgefühle nach der Pandemie wieder komplett zurückgehen?

Unse­re Gemein­schafts­stu­die von ZQP und Cha­ri­té zeigt, dass vie­le in der Tat zusätz­li­che Belas­tun­gen und teil­wei­se eine Ver­schlech­te­rung der Pfle­ge­si­tua­ti­on im Zusam­men­hang mit der erle­ben bzw. erlebt haben. Bei uns in der Stif­tung sind auch sehr emo­tio­na­le Anru­fe und E‑Mails ein­ge­gan­gen, in denen Pfle­gen­de umfas­send geschil­dert haben, wie schwie­rig ihre Lebens­si­tua­ti­on in Coro­na-Zei­ten gewor­den war. Wann ein Sta­tus quo ante wie­der erreicht wird, ist heu­te nicht seri­ös zu beant­wor­ten. Aber star­ke psy­chi­sche Belas­tun­gen kön­nen gera­de schon vor­be­las­te­te Per­so­nen beein­träch­ti­gen und even­tu­ell Lang­zeit­fol­gen haben.

Gibt es Ergebnisse, die Sie (persönlich) überrascht haben?

Also ehr­lich gesagt, Pro­zent­an­ga­ben habe ich vor­her nicht gera­ten. Aber wir hat­ten natür­lich erwar­tet, dass in vie­len Berei­chen Pro­ble­me sicht­bar wür­den. Das ist so ein­ge­tre­ten. Ich den­ke, beson­ders deut­lich macht die unter ande­rem, wie rele­vant die -bezo­ge­nen Her­aus­for­de­run­gen für Ange­hö­ri­ge sind, die sich um einen Men­schen mit küm­mern. Das ist schon ein­drück­lich – heißt aber selbst­ver­ständ­lich nicht, dass nur sol­che Kon­stel­la­tio­nen her­aus­for­dernd wären.

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Ein Drittel der Befragten spricht von einer sich durch Corona verschlechternden Pflegesituation. Gleichzeitig geben über drei Viertel an, ihre Lage sei insgesamt eher gut oder sehr gut. Ist das ein Effekt von sozial erwünschtem Antwortverhalten oder wie erklären Sie sich diesen scheinbaren Widerspruch?

Ich stim­me Ihnen zu: Es ist kein Wider­spruch. Eine Lage kann sich ver­schlech­tern, aber trotz­dem noch „eher gut“ sein. Aber es ist wich­tig zu beto­nen, dass jede Unter­su­chungs­me­tho­dik Gren­zen hat. Wir haben ent­spre­chend auch die Limi­ta­tio­nen unse­res Stu­di­en­de­signs dar­ge­stellt. Tat­säch­lich kann unter ande­rem sozi­al erwünsch­tes Ant­wort­ver­hal­ten bei die­ser Art Stu­di­en eine Rol­le spie­len. Wir mes­sen hier ins­ge­samt – im über­tra­ge­nen Sin­ne – nicht auf den Mil­li­me­ter genau. Und es gilt jetzt in der ja noch bestehen­den Pan­de­mie-Situa­ti­on erst Recht, dass ein wis­sen­schaft­li­ches Bild meist genau­er wird, wenn meh­re­re gute Stu­di­en vor­lie­gen. Wir betrach­ten unse­re Stu­die als einen ers­ten, aber soli­den Ein­blick in das, was zum Befra­gungs­zeit­punkt war.

Ärger, Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung nehmen bei den pflegenden Angehörigen stark zu. Kann und wird das auch in zunehmender häuslicher münden?

Die Fra­ge ist sehr berech­tigt. Die Ant­wort muss dif­fe­ren­ziert aus­fal­len. Die genann­ten Gefüh­le kön­nen – je nach indi­vi­du­el­ler Kon­stel­la­ti­on – zu einer Eska­la­ti­on einer Pfle­ge­si­tua­ti­on bei­tra­gen. Es han­delt sich aber kei­nes­falls um einen Gewalt­au­to­ma­tis­mus. Wer sich hilf­los fühlt oder wütend ist, wen­det des­we­gen noch lan­ge kei­ne an. Inso­fern wer­den viel­leicht zukünf­ti­ge Stu­di­en die­ses schwer zu unter­su­chen­de Feld etwas wei­ter aus­leuch­ten. Aus mei­ner Sicht müs­sen wir in der aktu­el­len Pan­de­mie­si­tua­ti­on wegen einer par­ti­el­len Ver­stär­kung von Risi­ko­fak­to­ren ins­ge­samt lei­der mit einer Zunah­me von Gewalt­tä­tig­keit in der Pfle­ge rech­nen.

Was kann und sollte man denn konkret tun, um diese emotionale Talfahrt mit Eskalationspotenzial für pflegende Angehörige zu stoppen?

Es gibt eini­ge Rat­schlä­ge, die man ver­su­chen kann umzu­set­zen. Wir haben ent­spre­chen­de Tipps auf unse­rem ZQP-Por­tal www.pflege-praevention.de kos­ten­los auf­be­rei­tet. Über­ge­ord­net wür­de ich sagen: Es ist wich­tig, sich mit ande­ren Men­schen über Belas­tun­gen und Sor­gen aus­zu­tau­schen, mit­ein­an­der in regem Kon­takt zu sein. Ob nun über das Tele­fon, das Inter­net oder per Brief. Man kann auch Hilfs­an­ge­bo­te nut­zen, bei denen man sei­ne Sor­gen und Pro­ble­me tei­len kann. Zum Bei­spiel die Tele­fon­seel­sor­ge, das Ange­bot „Sil­ber­netz“ oder auch die psy­cho­lo­gi­sche Online-Bera­tung „pfle­gen und leben“.

In Teil 2 des Inter­views spre­chen wir über Demenz­pa­ti­en­ten, die Ver­ein­bar­keit von Pfle­ge und Beruf und wel­che Emp­feh­lun­gen man aus der Stu­die ablei­ten kann …