Die "Stern"-Pflegepetition, die über 300.000 Mitzeichnende zählt, wurde im Bundestag-Petitionsausschuss diskutiert.
Die „Stern“-Pflegepetition, die über 300.000 Mit­zeich­nen­de zählt, wur­de im Bun­des­tag-Peti­ti­ons­aus­schuss dis­ku­tiert.© Raw­pi­xeli­mages | Dreamstime.com

Mit mehr als 328.000 Unter­schrif­ten ist sie die meist­un­ter­stütz­te Peti­ti­on in der Geschich­te des Bun­des­ta­ges. Nun kam die ers­te Stun­de der Wahr­heit. Die vom Nach­rich­ten­ma­ga­zin „Stern“ lan­cier­te Peti­ti­on „Gesund­heits­re­form für eine bes­se­re zum Schutz der Pfle­ge­be­dürf­ti­gen“ war am Mon­tag ver­gan­ge­ne Woche, 1. März, The­ma in der Sit­zung des Peti­ti­ons­aus­schus­ses. Dort stell­ten sich der Antrag­stel­ler, „Stern“-Redakteur Bern­hard Albrecht, sowie Dr. Ber­na­det­te Klap­per, Bereichs­lei­te­rin Gesund­heit bei der Robert-Bosch-Stif­tung und gelern­te , der Debat­te mit den Aus­schuss­mit­glie­dern. Auch Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter dis­ku­tier­te mit, der per­sön­lich zur Anhö­rung erschie­nen war.

Stern-Redakteur Albrecht: „Was Pflegekräfte leisten, wird fatal unterschätzt“

„Eine Drit­tel­mil­li­on Men­schen hat die Peti­ti­on mit­ge­zeich­net. Sie wol­len, dass Pfle­ge­kräf­te ech­te Wert­schät­zung erfah­ren, dass sich ihre oft unwür­di­gen Arbeits­be­din­gun­gen end­lich nach­hal­tig ver­bes­sern, dass sie anstän­dig ent­lohnt wer­den – 36 Jah­re, nach­dem das Wort Pfle­ge­not­stand gebo­ren wur­de“, appel­lier­te Albrecht. Er ver­wies auf den Fall eines 34-Jäh­ri­gen, der im Kran­ken­haus wegen einer Herz­mus­kel­ent­zün­dung starb, die infol­ge von Unter­be­set­zung auf der Sta­ti­on stun­den­lang unent­deckt blieb. „Was Pfle­ge­kräf­te leis­ten, wird fatal unter­schätzt. Sie haben einen geschul­ten Blick.“ Doch die Zeit, die feh­le ihnen, so Albrecht.

Pfle­ge­stär­kungs-Aktio­nen wie die Kon­zer­tier­te Akti­on mach­ten den Feh­ler, ein­sei­tig mehr Per­so­nal in der anzu­stre­ben, anstatt zu über­le­gen, wo das Sys­tem an sich ver­bes­se­rungs­wür­dig sei. „Es gibt nicht zu weni­ge Pfle­ge­kräf­te, son­dern sie sind falsch ver­teilt.“ Man brau­che einen Sys­tem­wech­sel, „weil es kei­ne Insel­lö­sung für die Pfle­ge gibt“. Er ver­wies auf nach­bar­schaft­lich ori­en­tier­te Pfle­ge­kon­zep­te oder das Sys­tem der „Magnet-Kran­ken­häu­ser“ in den USA. Die­se zeich­nen sich durch beson­ders gute Bedin­gun­gen für Pfle­ge­kräf­te aus, zögen in der Fol­ge Per­so­nal an und ent­spre­chend ver­bes­ser­ten sich die medi­zi­ni­schen Resultate.

In der kon­struk­ti­ven, leb­haf­ten und durch­aus sehens­wer­ten Debat­te kamen meh­re­re Unter­aspek­te des The­mas zur Spra­che. Etwa das ambu­lan­te, als vor­bild­lich gese­he­ne nie­der­län­di­sche „Buurtzorg“-Pflegekonzept, sowie das jüngs­te Schei­tern des Bun­des­ta­rif­ver­trags für die Alten­pfle­ge. Oder auch die neue gene­ra­lis­ti­sche Aus­bil­dung in der Pfle­ge oder die Auf­re­gung um die „Ehrenpflegas“-Kampagne des Bundesfamilienministeriums.

Spahn: Konzertierte Aktion Pflege trägt erste Früchte

Spahn hob die bis­he­ri­gen Erfol­ge der Kon­zer­tier­ten Akti­on Pfle­ge her­vor, und skiz­zier­te eini­ge Her­aus­for­de­run­gen. „Es war ein Haupt­ziel der Zusam­men­füh­rung der Aus­bil­dungs­be­ru­fe, um mehr Per­spek­ti­ven, Wech­sel- und Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten zu bie­ten, sich umzu­schau­en und sich zu aka­de­mi­sie­ren.“ Er hob auch die Abschaf­fung des Schul­gelds her­vor. „Pfle­ge ist ein Beruf mit Zukunft, der auch in der öffent­li­chen Debat­te eine zuneh­mend posi­ti­ve Rol­le spielt.“ Die Absen­kung von Anfor­de­run­gen oder das Mot­to „wer nichts wird, wird “ könn­ten nicht Teil der Lösung sein. „Pfle­ge kann nicht jeder. Man muss wol­len UND kön­nen. Um über all dies posi­tiv zu reden, das kön­nen wir nur, wenn die Pfle­ge selbst mit­re­det“, so Spahn.

Die Kon­zer­tier­te Akti­on Pfle­ge zah­le sich aus sei­ner Sicht lang­sam aus; er sehe Fort­schrit­te unter ande­rem bei Büro­kra­tie­ab­bau, , Inves­ti­tio­nen und Per­so­nal­be­mes­sung. Der Per­so­nal­man­gel in der Pfle­ge sei im Übri­gen auch eine Art „Hen­ne-Ei-Pro­blem“, so Spahn. Vie­le vor­mals Pfle­gen­de wür­den in ihren Beruf zurück­keh­ren wol­len, wenn es mehr Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen und weni­ger gäbe. Mehr Ver­stär­kung durch Kol­le­gen und weni­ger gebe es aber eben nur, wenn mehr Pfle­gen­de zurück­keh­ren. „Wir müs­sen begin­nen, und haben begon­nen, die­se Spi­ra­le anders­her­um zu drehen.“

In einer der nach­fol­gen­den Sit­zun­gen wird sich der Peti­ti­ons­aus­schuss noch­mals mit der Peti­ti­on befas­sen. Die kom­plet­te Aus­schuss­sit­zung ist in der Media­thek des Bun­des­tags-TV-Ange­bots ein­ge­stellt; die Debat­te zur Pfle­ge­pe­ti­ti­on beginnt dabei bei der Hälf­te der Sit­zungs­auf­zeich­nung, nach 1:02 Stunden.