Anzei­ge
ConvaTec AquacelFoam
Wie könnte die Pflege in Zukunft aussehen?
Wie könn­te die Pfle­ge in Zukunft aus­se­hen?© Shan­non Fagan | Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Die Pfle­ge in Deutsch­land steht vor gewal­ti­gen Her­aus­for­de­run­gen. Dabei ist das für die öffentliche Gesund­heit drängendste und für den ein­zel­nen Pflegebedürftigen gefährlichste Pro­blem der soge­nann­te Pfle­ge­not­stand, also der Man­gel an Pflegefachkräften. Die von unter­schied­lichs­ten Schre­ckens­mel­dun­gen übersättigte Öffentlichkeit erfährt davon oft nur, wenn sich aus einer kon­kre­ten Situa­ti­on die – zynisch gespro­chen – medi­al per­fek­te Wel­le her­stel­len lässt, etwa ein Kind nicht auf der Inten­siv­sta­ti­on auf­ge­nom­men wer­den kann, weil die­se unter­be­setzt ist, und stirbt.

Sol­che Her­aus­for­de­run­gen fal­len jedoch sel­ten ein­fach vom Him­mel. Viel­mehr hat die Gesund­heits- und Sozi­al­po­li­tik in den ver­gan­ge­nen Jah­ren schwe­re hand­werk­li­che Feh­ler gemacht. Mit den letz­ten gro­ßen Refor­men durch die Pflegestärkungsgesetze etwa wur­den bei­na­he aus­schließ­lich Ver­bes­se­run­gen für die Pflegebedürftigen umge­setzt, nicht aber für die Pflegekräfte. Damit wur­de der zwei­te Schritt vor dem ers­ten gegan­gen. Plötzlich gab es einen deut­lich aus­ge­wei­te­ten Leis­tungs­an­spruch aus der Pfle­ge­ver­si­che­rung, aber nie­man­den, der die­sen Anspruch hätte umset­zen können. Nach den Refor­men gab es nämlich genau­so wenig Pflegekräfte wie zuvor.

Vor die­sem Hin­ter­grund steigt in unse­rer älter wer­den­den Gesell­schaft die Zahl der Pflegebedürftigen gegenüber der Zahl der vor­han­de­nen und nach­wach­sen­den Pflegekräfte so schnell, dass bereits heu­te an vie­len Orten Unter­ver­sor­gung besteht. Die­se droht zum Dau­er­zu­stand zu wer­den und eine Pfle­ge in Würde dra­ma­tisch zu erschwe­ren, wenn nicht sogar unmöglich zu machen. Um das zu ver­hin­dern, reicht nicht eine ein­zi­ge Idee, eine ein­zel­ne Maß­nah­me. Viel­mehr muss ein gan­zes Maßnahmenbündel umge­setzt wer­den. Grund­an­nah­me dabei ist: Ohne ener­gi­sches, rasches Han­deln lässt sich weder mit der gegenwärtigen noch mit der mit­tel­fris­tig zu erwar­ten­den Zahl an Pflegekräften die Zahl der Pflegebedürftigen ange­mes­sen versorgen. 

Zur Pro­blem­be­wäl­ti­gung tun sich zwei Optio­nen auf:

  1. Die Zahl der Pfle­ge­kräf­te steigt
  2. Pfle­ge­kräf­te wer­den ersetzt

Kei­ne Opti­on ist ein Weiter-so.

Zur Per­son: Dr. Jan Basche ist Pfle­ge­ex­per­te und Geschäfts­füh­rer meh­re­rer ambu­lan­ter Pfle­ge­diens­te. Herr Basche war auch einer der Red­ner auf der dies­jäh­ri­gen Pfle­ge­fort­bil­dung des Wes­tens, auf wel­chem er über das The­ma Tech­ni­sie­rung in der Pfle­ge referierte.

Option 1: Die Zahl der Pflegekräfte steigt

Die­se Opti­on bekommt medi­al die meis­te Auf­merk­sam­keit. Mehr Pflegekräfte heißt Zuwan­de­rung, inländische Rückkehrer, längere Ver­weil­dau­er durch förderliche Arbeits­be­din­gun­gen, Zuwachs durch Aka­de­mi­sie­rung. Mehr Pflegekräfte bedeu­tet aber auch krea­ti­ver Auf­bau von Ressourcen.

Im Fokus der Bericht­erstat­tung stand schon häu­fig die Anwer­bung von Fachkräften aus dem Aus­land. Die­se berei­tet mehr Pro­ble­me als erwar­tet. Eine Stu­die der Hans-Böckler-Stiftung zu Kon­flik­ten in der Pfle­ge beschreibt die Pro­ble­me in aller Offenheit:[1] Pflegefachkräfte aus Südeuropa und Südosteuropa übernehmen in ihren Herkunftsländern Manage­ment­auf­ga­ben, die sie in Deutsch­land nicht ausführen dürfen. Viel­mehr sol­len sie hier Körperpflege durchführen und Essen­ta­bletts über die Eta­gen tra­gen, was sie für unter ihrem Niveau hal­ten. Dadurch ent­steht bei den in Deutsch­land aus­ge­bil­de­ten Pflegefachkräften der Ein­druck, dass die neu­en Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen gar nicht pra­xis­taug­lich sind. Tatsächlich gibt es in der Realität unter­schied­li­che Pfle­ge­kul­tu­ren. In den Herkunftsländern darf die Pro­fes­si­on Pfle­ge regelmäßig mehr selbst ent­schei­den. Gera­de die ers­te Wel­le der Pflegefachkräfte aus Spa­ni­en war scho­ckiert darüber, wie wenig sie hier selbst­be­stimmt arbei­ten dürfen, wie vollständig jeden­falls in der Behand­lungs­pfle­ge alle wesent­li­chen Fra­gen von Ärzten beant­wor­tet wer­den und nicht von ihnen. Es hilft nie­man­dem, ausländische Pflegekräfte in hoher Zahl nach Deutsch­land zu locken, nur um dann zu sehen, wie sie hier den Beruf wech­seln oder wie­der in ihre Heimatländer zurückgehen, weil sie den Ein­druck haben, zwar gut bezahlt, aber trotz­dem unter Wert zu arbeiten.

Dar­an hat sich bis heu­te kaum etwas spürbar geändert. Solan­ge die Pro­fes­si­on Pfle­ge in Deutsch­land nicht deut­lich auf­ge­wer­tet wird, und zwar mit kon­kre­ten Kom­pe­ten­zen aus einer ech­ten Übertragung von heil­kund­li­chen Tätigkeiten, wird sich die­ses Pro­blem in allen Ein­rich­tun­gen wie­der­ho­len. Modell­vor­ha­ben nach § 63 Absatz 3c SGB V sind für eine Lösung unge­eig­net. Der Gemein­sa­me Bun­des­aus­schuss (G‑BA) hat­te sich bereits 2011 zu einer Übertragung bei den Dia­gno­sen Dia­be­tes Typ 1 und 2, Demenz, Chro­ni­sche Wun­den und Hyper­to­nie durchgerungen.[2] Dem­nach stellt der Arzt Dia­gno­se und Indi­ka­ti­on und ent­wirft einen The­ra­pie­plan, an den sich die Pfle­ge­fach­kraft hal­ten muss. Zu den möglichen Auf­ga­ben der Pfle­ge­fach­kraft soll­ten die Erfas­sung einer Poly­phar­ma­zie im Alter, Ernährungsberatung und Hyper­to­nie­schu­lung, die Ver­sor­gung chro­ni­scher Wun­den und die Ver­ord­nung von Hilfs­mit­teln gehören. Aller­dings blieb nach dem Beschluss umstrit­ten, was die­ser eigent­lich bedeu­tet. Während der GKV-Spit­zen­ver­band für eine Sub­sti­tu­ti­on plädierte, bezeich­ne­ten Kassenärztliche Bun­des­ver­ei­ni­gung, Deut­sche Kran­ken­haus­ge­sell­schaft und Bundesärztekammer das Ergeb­nis als Dele­ga­ti­on. Auch des­halb ist auf die­sem Feld seit­dem prak­tisch nichts passiert.

Das blo­ße Anwer­ben ausländischer Inter­es­sen­ten ohne aner­kann­te Qua­li­fi­ka­ti­on und deren anschlie­ßen­de Aus­bil­dung in Deutsch­land ist auf­grund der zahl­rei­chen Unzulänglichkeiten des deut­schen Auf­ent­halts­rechts zu missbrauchsanfällig. Sinn­voll wären Aus­bil­dungs­pro­jek­te mit deut­schem Cur­ri­cu­lum und inte­grier­tem Sprach­un­ter­richt direkt im Aus­land. Sol­che Pro­jek­te sind aber fast nie ohne Wei­te­res geeig­net für Ambu­lan­te Pfle­ge­diens­te mit ihren struk­tu­rell bedingt gerin­gen Trägergrößen. Hierfür müssen Netz­werk­pro­jek­te initi­iert wer­den, damit die Poli­tik nicht allein gro­ßen Kon­zer­nen der Sozi­al­wirt­schaft die Türen etwa in Chi­na und Viet­nam öffnet, son­dern mit lan­gem Atem auch klei­ne und mittelständische Unter­neh­men aktiv einbindet.

Einer der wich­tigs­ten Gründe, wor­an die erfolg­rei­che Anwer­bung ausländischer Fachkräfte in signi­fi­kan­ter Zahl bis­her schei­ter­te, waren die lang­wie­ri­gen Aner­ken­nungs­ver­fah­ren auf Lan­des­ebe­ne sowie die min­des­tens eben­so lang­wie­ri­gen Visa-Ver­fah­ren in den deut­schen Bot­schaf­ten. Als eine der kon­kre­ten Maß­nah­men aus der Kon­zer­tier­ten Akti­on Pfle­ge wur­de des­halb mit Förderung des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Gesund­heit in Saarbrücken die Deut­sche Fachkräfteagentur für Gesund­heits- und Pfle­ge­be­ru­fe (DeFa) gegründet.[3] Wesent­li­ches Motiv ist die Beschleu­ni­gung: Von der Anwer­bung im Aus­land bis zum Arbeits­be­ginn in Deutsch­land dau­ert es aktu­ell nach Abschluss der Sprach­aus­bil­dung bis zu 18 Mona­te, bis die Pflegefachkräfte vor Ort zur Verfügung ste­hen. Die DeFa übernimmt für eine Verwaltungsgebühr von nur 350 Euro pro Fall das kom­plet­te Antrags­ver­fah­ren. Aktu­ell ist sie auf den Phil­ip­pi­nen und in Mexi­ko vor Ort präsent. Ob die­se wich­ti­ge Maß­nah­me Erfolg hat, wird sich erst zei­gen, wenn ausländische Pflegefachkräfte nicht nur in gro­ßer Zahl in Deutsch­land ange­kom­men, son­dern hier auch im Beruf geblie­ben sind.

Da eine gelin­gen­de Anwer­bung ausländischer Fachkräfte also schwe­rer ist als gedacht – gelingt es, Pflegekräfte zur Rückkehr zu bewe­gen? Der Pflegebevollmächtigte der Bun­des­re­gie­rung, Staatssekretär Andre­as Wes­ter­fell­haus, hat­te im Som­mer 2018 mit sei­nem Posi­ti­ons­pa­pier „Mehr Pfle­ge­KRAFT“ für Auf­se­hen gesorgt.[4] So soll­ten Rückkehrer eine Prämie von 5.000 Euro, Auf­sto­cker von Teil­zeit in Voll­zeit 3.000 Euro und auch die Einrichtungsträger Prämien für das Fin­den und Bin­den von Pflegekräften erhal­ten. In dem Papier wur­de ein kon­kre­ter Vor­schlag für förderliche Arbeits­be­din­gun­gen gemacht, nämlich ein zeit­lich befris­te­tes 80:20-Modell zur Unterstützung der Rege­ne­ra­ti­on, das heißt 80 Pro­zent Arbeits­zeit bei 100 Pro­zent Gehalt. Ein wei­te­rer Bestand­teil des Papiers war, in den Vergütungsverhandlungen zwi­schen Kas­sen und Leis­tungs­er­brin­gern Zuschläge für die Einführung inno­va­ti­ver Kon­zep­te für attrak­ti­ve Arbeits­be­din­gun­gen zu ver­ein­ba­ren. Mit einem sol­chen Bonus könnten Maß­nah­men eines Arbeit­ge­bers für mehr Dienstplanstabilität und weni­ger Rückrufen aus dem Frei, mit­ar­bei­ter­ori­en­tier­te Arbeits­zeit­mo­del­le oder Gesundheitsförderung der Beschäftigten finan­ziert wer­den. Alle die­se Vorschläge des Pflegebevollmächtigten stel­len bis heu­te den Gold­stan­dard für Maß­nah­men zur Gewin­nung zusätzlicher Pflegekräfte aus dem Inland dar. Lei­der hat in der Brei­te noch kein ein­zi­ger Vor­schlag Ein­gang in den Pfle­ge­all­tag gefunden.

Neue Orga­ni­sa­ti­ons­mo­del­le wer­den nur mar­gi­nal hel­fen, die Zahl der Pflegekräfte zu stei­gern. Das aus den Nie­der­lan­den stam­men­de Pfle­ge­mo­dell „Buurt­z­org“ etwa ver­spricht eine Pfle­ge ohne Pflegedienstleitung.[5] Bei aktu­ell jeweils ca. 15.000 ambu­lan­ten und stationären Pfle­ge­ein­rich­tun­gen in Deutsch­land, von denen alle eine Pfle­ge­dienst­lei­tung vor­hal­ten müssen, würde man durch Buurt­z­org theo­re­tisch 30.000 hoch­qua­li­fi­zier­te Pflegefachkräfte in die direk­te Pfle­ge zurückgeben können. Prak­tisch wird das nicht gelin­gen, da zum einen wohl die wenigs­ten Ver­ant­wort­li­chen Pflegekräfte wie­der in der direk­ten Pfle­ge arbei­ten wol­len, zum ande­ren die Qualitätsprüfrichtlinien des MDK die­sem Vor­ha­ben dia­me­tral ent­ge­gen­ste­hen und man nicht zuletzt auch bei Buurt­z­org in hoher Zahl Fachkräfte als Coa­ches braucht. Was sehr wohl gelin­gen kann, ist eine neue Begeis­te­rung von Pflegekräften für ihren Beruf aus die­sen neu­en Orga­ni­sa­ti­ons­mo­del­len, wenn sie sich durch eine weit­ge­hend selbst­ge­stal­te­te Zusam­men­ar­beit in den Teams überzeugen las­sen, der Pfle­ge erhal­ten zu bleiben.

Was kurz­fris­tig für mehr Pflegekräfte sor­gen könnte, wäre eine deut­lich attrak­ti­ve­re monetäre Hin­ter­le­gung des Frei­wil­len Sozia­len Jah­res (FSJ). Bis­her erhal­ten die „FSJ­ler“ nur etwas über 300 Euro Taschen­geld pro Monat, oft auch weni­ger. Das soll­te ersetzt wer­den durch eine Vergütung ana­log der für die Pfle­ge-Azu­bis, nämlich von deut­lich über 1.000 Euro. Der größte ver­ges­se­ne Schatz aber sind die pfle­gen­den Angehörigen. Die­se sind oft die bes­ten Pfle­ge­spe­zia­lis­ten. Sie könnten in Pfle­ge­kur­sen nach § 45 SGB XI oder bei Kon­tak­ten in den Pflegestützpunkten oder den Ser­vice­stel­len der Kas­sen ange­spro­chen wer­den, ob sie ihre ganz prak­tisch erwor­be­nen Kennt­nis­se nicht auch pro­fes­sio­nell anwen­den möchten, nach­dem die Pfle­ge ihrer Angehörigen been­det ist. Da die­se infor­mel­len Spe­zia­lis­ten meist gar kei­nen Pfle­ge­ba­sis­kurs brau­chen, um im Mini­job oder in Voll­zeit in die Pfle­ge ein­zu­stei­gen, soll­ten sie zusätzlich über frei­wil­li­ge modu­la­re Qua­li­fi­zie­rungs­an­ge­bo­te beglei­tet werden.

Option 2: Pflegekräfte werden ersetzt

Kei­ne der bis­her betrach­te­ten drei Optio­nen allein wird zu einem Ende des Pfle­ge­not­stands führen. Die Pfle­ge wird sich des­halb auch der Fra­ge stel­len müssen, wie Pflegekräfte ersetzt wer­den können. Nie­mand möchte gern ersetzt wer­den. Des­halb führt oft schon die Fra­ge­stel­lung zu reflex­haf­ter Ablehnung.

Wel­che kon­kre­ten Handlungsmöglichkeiten gibt es trotz­dem? Eine gro­ße Chan­ce liegt in der Auf­ga­ben­mi­gra­ti­on, also der Übergabe von Ver­ant­wor­tung an ande­re Pro­fes­sio­nen. Das bereits erwähnte PpSG etwa sieht vor, dass im Rah­men des Pfle­ge­bud­gets auch pfle­ge­ent­las­ten­de Maß­nah­men durch die Kostenträger finan­ziert wer­den, zum Bei­spiel wenn Krankenhäuser Auf­ga­ben wie die Essens­aus­ga­be oder den Wäschedienst vom Pfle­ge­per­so­nal auf ande­re Per­so­nal­grup­pen übertragen. Mit der Auf­ga­ben­mi­gra­ti­on ist eine Chan­ce für den Pfle­ge­be­ruf ver­bun­den, sich sei­ner Gründe und Gren­zen zu ver­ge­wis­sern: Ist die Pfle­ge für alles zuständig? Gründet ihr Selbst­bild wirk­lich auf Kümmern und Kuscheln? Was sind die urei­ge­nen Auf­ga­ben und was die der Angehörigen oder Betreu­er, der The­ra­peu­ten oder Ärzte, der Bera­tungs­stel­len oder Kostenträger? Die­se Dis­kus­si­on beginnt in der Pfle­ge gera­de erst, öffentlich zu wer­den, und ist noch längst nicht entschieden.

Eine wei­te­re Handlungsmöglichkeit besteht dar­in, Auf­ga­ben von infor­mel­len Hel­fern übernehmen zu las­sen. Zwar spielt das Ehren­amt in Deutsch­land auf­grund der nach wie vor hohen Erwar­tungs­hal­tung an den Staat eine wesent­lich gerin­ge­re Rol­le als etwa in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Gera­de des­halb besteht hier aber auch beson­ders viel Poten­zi­al. Es muss ja nicht gleich ein Sozia­les Pflicht­jahr für Frührentner sein. Statt immer neu­er Inves­ti­tio­nen in die sekundäre Pfle­gein­fra­struk­tur soll­te zum Bei­spiel ganz prak­tisch und nahe am Leben die Ehren­amts­pau­scha­le unverzüglich von der­zeit 720 Euro im Jahr auf den Wert der Übungsleiterpauschale von 2.400 Euro im Jahr ange­ho­ben wer­den. In die­sem Zusam­men­hang soll­te auch das Gemeinnützigkeitsprivileg ent­fal­len. Bis­her erhal­ten nur in einer gemeinnützigen Ein­rich­tung mit­wir­ken­de Men­schen eine sol­che Ehren­amts­pau­scha­le. Das wird schon längst nicht mehr der Wirk­lich­keit der Pfle­ge gerecht, da gera­de die pro­fes­sio­nel­le Ambu­lan­te Ver­sor­gung ganz überwiegend durch pri­va­te Pfle­ge­diens­te erfolgt.

Die radi­kals­te Vari­an­te einer Reform der infor­mel­len Pfle­ge wäre eine Revo­lu­ti­on: Das Pfle­ge­geld nach § 37 SGB XI auf das Niveau der Pfle­ge­sach­leis­tun­gen nach § 36 SGB XI zu erhöhen. Damit wäre, ähnlich wie beim Betreu­ungs­geld­ge­setz, die finan­zi­el­le Absi­che­rung der Pfle­ge durch Familienangehörige, Freun­de oder Nach­barn, die oft unbe­merkt rund um die Uhr statt­fin­det, genau­so hoch wie die Pfle­ge durch pro­fes­sio­nel­le Pflegekräfte. Selbst wenn dann die Prüfintervalle der Bera­tungs­be­su­che nach § 37 Absatz 3, 4 SGB XI verkürzt wer­den soll­ten, könnte Pfle­ge in vie­len familiären Set­tings so attrak­tiv wer­den, dass deut­lich weni­ger Pflegekräfte in Anspruch genom­men wer­den müssten.

Da nicht abseh­bar ist, dass die Poli­tik zu einer sol­chen Revo­lu­ti­on bereit wäre, erge­ben sich die wich­tigs­ten Handlungsmöglichkeiten aus Digi­ta­li­sie­rung und Tech­ni­sie­rung. Was bedeu­tet dabei Tech­ni­sie­rung? Ganz wesent­lich Robo­tik, AAL[6], soma­to­ge­ne Sen­so­rik und Telen­ur­sing. Die Pfle­gero­bo­tik hat in Deutsch­land – anders als bei­spiels­wei­se in Japan – noch kaum Fuß gefasst. Dabei könnte gera­de sie die Arbeit der Pflegekräfte wesent­lich erleich­tern und durch ent­las­te­te Rücken zu ent­schei­den­den arbeits­me­di­zi­ni­schen Ver­bes­se­run­gen führen. Tatsächlich jedoch wer­den inno­va­ti­ve Tech­ni­ken kaum genutzt und kom­men zudem ganz überwiegend aus dem Aus­land. Für den Tech­no­lo­gie­stand­ort Deutsch­land ist die­se feh­len­de Markt­durch­drin­gung nicht nur ein Armuts­zeug­nis, son­dern existenzgefährdend. Wor­an liegt es? Die GKV sagt, es würden zu weni­ge Anträge gestellt. Die Anbie­ter sagen, die Antrags­ver­fah­ren sei­en zu kompliziert.

Müssen also die Zulas­sungs­kri­te­ri­en ange­passt wer­den? Die­se erfor­dern nach §§ 135, 139 SGB V bestimm­te Eigen­schaf­ten und Qualitätsmerkmale, die offen­bar dazu führen, dass es die meis­ten Pro­duk­te für die Tech­ni­sie­rung der Pfle­ge nicht ins Hilfs­mit­tel­ver­zeich­nis schaf­fen. Allein die not­wen­di­ge Anga­be des Indi­ka­ti­ons­be­reichs stellt für vie­le beson­ders inter­es­san­te Pro­duk­te eine Hürde dar. Wel­cher Indi­ka­ti­on etwa soll man die Kuschel­rob­be „Paro“[7] zuord­nen? Fach­lich ange­mes­sen wäre in ihrem Fall als Indi­ka­ti­on nicht Demenz, son­dern die Pfle­ge­dia­gno­se Sozia­le Depri­va­ti­on. Dafür dürfte sich die GKV aber kaum zuständig fühlen. Zudem kos­tet die­se Kuschel­rob­be bei eBay nicht unter 3.000 Euro. Nach dem Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot haben die Kas­sen aber sogar die Pflicht, zwi­schen „not­wen­dig“ und „nice to have“ zu unterscheiden.

Offen­sicht­lich besteht neben dem Pro­blem der Neutralität der Präqualifizierungsstellen an die­ser Stel­le auch ein grundsätzliches Auf­merk­sam­keits­de­fi­zit: So wur­den bis zu einer ener­gi­schen Inter­ven­ti­on des Pflegebevollmächtigten der Bun­des­re­gie­rung, der dama­li­ge Staatssekretär Karl-Josef Lau­mann, die Inkon­ti­nenz­pro­duk­te im GKV-Hilfs­mit­tel­ver­zeich­nis rund 23 Jah­re lang nicht überarbeitet. Die ers­ten Real-Time-Messgeräte, die es schon eine gefühlte Ewig­keit auf dem Markt gibt, haben es erst 2017 in das bis vor kur­zem noch 32.000 Pro­duk­te umfas­sen­de Hilfs­mit­tel­ver­zeich­nis geschafft, wofür es erst meh­re­rer Urtei­le von Sozi­al­ge­rich­ten bedurfte.[8] So kommt auch ein aktu­el­les Rechts­gut­ach­ten im Auf­trag des Ver­brau­cher­zen­tra­le Bun­des­ver­bands zu dem Schluss, dass es drin­gend gesetz­li­cher Änderungen bedarf, damit die tech­ni­schen Assis­tenz­sys­te­me tatsächlich Ein­gang in das Hilfs­mit­tel­ver­zeich­nis finden.[9]

Obwohl theo­re­tisch die Finan­zie­rungs­grund­la­gen mit den §§ 40 Absatz 4 SGB XI und 33 SGB V bestehen, zeigt die Pra­xis bis­her Stroh­feu­er statt Leuchttürme. Immer wie­der wer­den nur Modell­pro­jek­te, Inno­va­ti­ons­zen­tren, Musterhäuser und Clus­ter ange­scho­ben. Berühmtberüchtigtes Bei­spiel ist der Haus­not­ruf, der es bis­her als ein­zi­ges Pro­dukt in den Pfle­ge­hilfs­mit­tel­ka­ta­log geschafft hat. Das wird weder den Möglichkeiten der Pfle­ge­tech­nik und Pfle­ge­for­schung noch den Anfor­de­run­gen an eine Pfle­ge für das 21. Jahr­hun­dert gerecht. Das muss sich ändern.

Wird durch mehr Tech­nik in der Pfle­ge alles bes­ser? Das hängt, wie immer bei Tech­nik, vom Nut­zer ab. Die anti­zi­pier­ten Risi­ken lie­gen auf der Hand: Pflegekräfte befürchten eine Ver­frem­dung der Inter­ak­ti­on zwi­schen ihnen und den Pflegebedürftigen. Sie befürchten eine Depro­fes­sio­na­li­sie­rung des Pfle­ge­be­rufs, wenn auto­ma­ti­sier­te Daten­er­fas­sung und Daten­aus­wer­tung die indi­vi­du­el­le Kran­ken­be­ob­ach­tung erset­zen. Und sie fra­gen sich, wel­che Stel­lung etwa die aka­de­mi­sier­ten Pfle­ge­fach­leu­te in einer durch­t­ech­ni­sier­ten Arbeits­welt haben wer­den. Lässt sich ihre Tätigkeit künftig noch mit jener der Assis­ten­tin­nen in Haus­wirt­schaft und körperbezogenen Pfle­ge­maß­nah­men zu einem Berufs­bild zusammenfassen?

Pflegebedürftige befürchten eine Anony­mi­sie­rung der Ent­schei­dun­gen: Wer bestimmt beim GPS-Tracking den Akti­ons­ra­di­us des Geo­fen­cing? Sie befürchten eine mehr oder weni­ger sub­ti­le erzwun­ge­ne Nor­mie­rung ihres Ver­hal­tens, denn Sen­so­ren reagie­ren immer auf Abwei­chun­gen von Norm­wer­ten. Wer gern scharf isst und dadurch stark schwitzt, wird das viel­leicht las­sen, wenn immer wie­der eine Pfle­ge­kraft ins Zim­mer gelau­fen kommt und nach­sieht, ob alles in Ord­nung ist.

Bei­de Grup­pen, Pflegebedürftige wie Pflegekräfte, befürchten im Zuge eines per­ma­nen­ten Daten­aus­tauschs eine per­ma­nen­te Überwachung aller Betei­lig­ten. Das erhöht das Sub­ver­si­ons­ri­si­ko. Schon jetzt spielt in der Pfle­ge die Überwachung im buchstäblichen Sin­ne eine nicht immer allen Betei­lig­ten bewuss­te, aber erheb­li­che Rol­le: Pfle­ge besteht zen­tral auch aus einer möglichst lückenlosen Doku­men­ta­ti­on von Auffälligkeiten, der Erhbung von Risi­ken und obli­ga­to­ri­schen Bera­tun­gen. Tech­nik in der Pfle­ge kann sogar bedeu­ten, dass Pflegekräfte ihren Arbeit­ge­ber wech­seln, weil er ihnen zu tech­nisch und zu wenig „mensch­lich“ gewor­den ist und sie sich das in den letz­ten Jah­ren vor der Ren­te nicht mehr antun wollen.

Gleich­zei­tig sind die sich aus einer Tech­ni­sie­rung der Pfle­ge erge­ben­den Chan­cen unbe­streit­bar: Gera­de Tele­me­di­zin, etwa in Form der durch das PpSG im § 87 Absatz 2a SGB V zuge­las­se­nen „tele­me­di­zi­ni­schen Leis­tun­gen“ und „Video­sprech­stun­den“, kann Pflegebedürftigen erheb­li­chen Stress erspa­ren, indem deut­lich weni­ger Kran­ken­trans­por­te erfor­der­lich sind. Sie ermöglichen eine Ent­las­tung der Pflegekräfte und ein Empower­ment der Pflegebedürftigen. Und sie sind oft die ein­zi­ge Chan­ce auf einen Arzt­kon­takt, wenn kein Arzt in der Nähe Haus­be­su­che macht und der Pflegebedürftige immo­bil ist. Die Tech­ni­sie­rung hat dabei das Poten­zi­al, Pflegebedürftige zu eman­zi­pie­ren und aus der per­so­nel­len Abhängigkeit von den Pflegekräften zu befrei­en. Selbst wenn die ent­spre­chen­den Abfra­gen in den MDK-Prüfungen den Pfle­ge­diens­ten bun­des­weit sehr hohe Kun­den­zu­frie­den­heit beschei­ni­gen, sagen doch gleich­zei­tig vie­le Pflegebedürftige, dass sie gern ihre Ruhe hätten und nicht drei­mal am Tag einen Ein­satz vom Pfle­ge­dienst. Vie­le Pflegebedürftige haben ein erfülltes Pri­vat­le­ben mit vie­len Ter­mi­nen und möchten ungern auf die Pflegekräfte war­ten müssen, weil die im Stau ste­cken oder beim vor­he­ri­gen Kun­den einen Not­fall hat­ten. Es ist also nicht aus­zu­schlie­ßen, dass eine Pfle­ge mit deut­lich weni­ger Pflegekräften auf Akzep­tanz bei den Pflegebedürftigen sto­ßen könnte, jeden­falls bei jenen, die sozi­al ein­ge­bun­den leben. Auch aus die­sen Set­ting-Aspek­ten erge­ben sich wie­der unmit­tel­ba­re Fra­gen an das Selbstverständnis der beruf­li­chen Pfle­ge: Ist sie Ersatz­fa­mi­lie? Ist sie wirk­lich „mehr als ein Beruf“, wie ein sehr eindrücklicher, bereits 5,6 Mil­lio­nen mal auf­ge­ru­fe­ner, aber der Pfle­ge gleich­zei­tig neue Las­ten auf­le­gen­der Spot der Bun­des­re­gie­rung suggeriert?[10] Reicht es nicht, end­lich den Beruf so auf­zu­wer­ten, dass jede Pfle­ge­kraft auf jeder Par­ty stolz erzählen kann, als was sie arbeitet?

Tech­nik und Digi­ta­li­sie­rung beschleu­ni­gen dane­ben ganz wesent­lich den Daten­trans­fer zu den unter­schied­li­chen Sta­ke­hol­dern (Ärzte, The­ra­peu­ten, Angehörige, Kas­sen) und erleich­tern die Inter­ak­ti­on der Pflegebedürftigen mit ihnen. Aus dem Umset­zungs­ka­ta­log zum Online­zu­gangs­ge­setz (OZG) folgt, dass ab Ende 2022 nicht nur Hilfs­mit­tel, son­dern auch Ver­band- und Arz­nei­mit­tel und Leis­tun­gen wie Ver­hin­de­rungs­pfle­ge oder sogar Hil­fe zur Pfle­ge bei den Kostenträgern bean­tragt wer­den können. Hier kom­men Digi­ta­li­sie­rung und Tech­ni­sie­rung sinn­voll zusam­men, und es ist zu hof­fen, dass den Kostenträgern tatsächlich bis dahin die Umset­zung gelingt. Tech­nik in der Pfle­ge führt ganz ein­deu­tig zu einer Ver­bes­se­rung der objek­ti­ven Sicher­heit und des sub­jek­ti­ven Sicherheitsgefühls, zum Bei­spiel bei Sen­sor­mat­ten, die Stürze mel­den, Ortungs­sys­te­men und Erin­ne­rungs­hil­fen für die Medi­ka­men­ten­ein­nah­me. Eben­so ein­deu­tig führt Tech­nik jedoch auch zu neu­en Gefah­ren, etwa durch Hacking und Miss­brauch der Daten­sys­te­me. Tech­nik ersetzt und schützt Pflegekräfte. Ein eindrückliches und für jeder­mann nach­voll­zieh­ba­res Bei­spiel ist die Insu­lin­pum­pe in Ver­bin­dung mit rtCGM (Real-Time-Messgerät zur Glu­ko­se­be­stim­mung). Sie ersetzt die Pfle­ge­kraft, die ansons­ten zwei- oder drei­mal täglich zum Pflegebedürftigen fah­ren müsste und sich nun im Ide­al­fall ihren Vorbehaltstätigkeiten oder sogar heil­kund­li­chen Tätigkeiten wid­men kann. Des­halb ist, jeden­falls wenn man die gesell­schaft­lich vor­erst nicht gewoll­te Absen­kung von Qualitätsniveaus unberücksichtigt lässt, Tech­ni­sie­rung das poten­zi­ell am schnells­ten wirk­sa­me und effek­tivs­te Instru­ment gegen den Fachkräftemangel. Wer die Zukunft der Pfle­ge noch erle­ben will, muss para­dox agie­ren und sie überall dort, wo es möglich und ver­ant­wort­bar ist, überflüssig machen.

[1] Pütz/Kontos/Larsen/Rand/Ruokonen-Engler M‑K (2019).
[2] Vgl. Richt­li­nie nach § 63 Absatz 3c SGB V in der Fas­sung vom 20.10.2011.
[3] https://www.defa-agentur.de/
[4] Verfügbar unter: http://bit.ly/384aSUo
[5] https://www.buurtzorg-deutschland.de/
[6] Ambi­ent Assis­ted Living (AAL, gele­gent­lich auch „Acti­ve Assis­ted Living“).
[7] http://www.parorobots.com/
[8] Bei­spiel­haft: SG Nürnberg vom 27.1.2017 – S 11 KR 138/13.
[9] Dierks/Retter/Pirk J (2019, S. 50 ff.).
[10] https://youtu.be/__k_ay1L2Ro

Lite­ra­tur:
1. Dierks C, Ret­ter S, Pirk J (2019): Möglichkeiten der Kos­ten­er­stat­tung tech­ni­scher Assis­tenz­sys­te­me (AAL) für pflegebedürftige Ver­brau­che­rin­nen und Ver­brau­cher nach gel­ten­dem Recht sowie Ent­wick­lung von kon­kre­ten Hand­lungs­emp­feh­lun­gen. Rechts­gut­ach­ten erstellt im Auf­trag des Ver­brau­cher­zen­tra­le Bun­des­ver­ban­des. Verfügbar unter: http://bit.ly/2TnE4kh.
2. Pütz R, Kon­tos M, Lar­sen C, Rand S, Ruo­ko­nen-Eng­ler M‑K (2019): Betrieb­li­che Inte­gra­ti­on von Pflegefachkräften aus dem Aus­land: Innen­an­sich­ten zu Her­aus­for­de­run­gen glo­ba­li­sier­ter Arbeitsmärkte. Stu­die der Hans-Böckler-Stiftung. Verfügbar unter: http://bit.ly/2vm73wz.