Verletzung an Auge und Nase einer Seniorin. (Symbolbild)
Verlet­zung an Auge und Nase einer Senio­rin. (Symbol­bild)Bild: Photo 94955697 © Ocskay Mark – Dreamstime.com

Laut einer Studie der techni­schen Univer­si­tät München hat die Corona­kirse Auswir­kun­gen auf die Zunahme von häusli­cher Gewalt. Mehr als 6 Prozent der Frauen in Deutsch­land wurden während der Ausgangs­sperre Opfer von körper­li­cher oder sexuel­ler Gewalt. Die Gewalt richtet sich ebenfalls zuneh­mend gegen Kinder. Gerade in Zeiten der Quaran­täne oder finan­zi­el­ler Notla­gen waren die Zahlen am höchsten.

Auch das Gewalt­ri­siko gegen ältere und pflege­be­dürf­tige Menschen hat sich durch die Pande­mie erhöht. Die Pflege­be­ru­fe­kam­mer Schles­wig-Holstein hat in einer Presse­mit­tei­lung auf diese gefähr­li­che Entwick­lung hinge­wie­sen und zuneh­mende Unter­stüt­zung für Pflegende und Pflege­be­dürf­tige gefordert.

Gewalt in der Pflege äußert sich auf verschie­dene Arten und Weisen: Anschreien, Beschimp­fun­gen, sowie grobes Anfas­sen oder Vernach­läs­si­gung sind dazu zu zählen. Die Weltge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion (WHO) geht davon aus, dass knapp jeder sechste Mensch über 60 Jahre im letzten Jahr eine Form von Gewalt in der Pflege erleben musste.

Pflegende Angehö­rige häufig involviert

Häufig sei die Überlas­tung der Pflege­kräfte Auslö­ser für die zuneh­mende Gewalt­be­reit­schaft, viele fühlen sich mit ihrer Arbeit allein gelas­sen, erklärte die Kammer Schles­wig-Holstein in ihrer Presse­mit­tei­lung. Gerade in familia­len Pflege­be­zie­hun­gen neigen die pflegen­den Angehö­ri­gen leicht zu psychi­scher Gewalt gegen ältere Menschen. Genaue Zahlen zur Anhäu­fung von Gewalt in pflege­ri­schen Bezie­hun­gen gebe es nicht. Da die Gewalt stets im Verbor­ge­nen statt­fin­det, gehe man von einer hohen Dunkel­zif­fer aus, so Marco Sander, Vorstands­mit­glied der Kammer sowie Alten­pfle­ger und Wissenschaftler.

Die Corona-Pande­mie habe das Problem nach Angaben von Exper­ten aus der Praxis zudem noch weiter zugespitzt. Begrün­det wird dies durch den Ausfall zahlrei­cher Unter­stüt­zungs­an­ge­bote, die wegen des Infek­ti­ons­schut­zes auf Eis gelegt wurden. Außer­dem wurden Angebote der Tages­pflege stark einge­schränkt oder auch die ambulante Pflege pausiert. Viele auslän­di­sche Pflege­kräfte seien während der Pande­mie zurück in ihr Heimat­land gereist.

Die Folge: Pflegende Angehö­rige vermis­sen zuneh­mend die Unter­stüt­zung bei der Betreu­ung pflege­be­dürf­ti­ger Menschen. Das dauer­hafte 24-Stunden-Aufpas­sen wandle sich schnell in Überfor­de­rung und Gereizt­heit um, wodurch das Gewalt­po­ten­zial verstärkt werde. Um dem entge­gen­zu­wir­ken müsse man für psychi­sche Entlas­tung der Pflegen­den sorgen, damit diese und deren Angehö­rige vor Gewalt­aus­brü­chen bewahrt werden.

Die Pflege­be­ru­fe­kam­mer Schles­wig-Holstein wies darauf­hin, dass die dorti­gen Tages­pfle­ge­ein­rich­tun­gen zumin­dest unter Schutz­auf­la­gen wieder geöff­net haben. Außer­dem sollen sich Betrof­fene über Notte­le­fone oder pflege­ri­sche Exper­ten und Exper­tin­nen Hilfe und Beratung holen. Es sei wichtig, dass die Gewalt in der Pflege kein Tabuthema darstelle, so Sander.

Tipp: Die Stiftung ZQP setzt sich schon lange gegen Gewalt in der Pflege ein. Auf deren Homepage finden Sie zahlrei­che Studien zur Gewalt in der Pflege, sowie Arbeits­ma­te­rial zur Konfliktlösung.

Missstände in Celler Pflege­heim: Staats­an­walt­schaft ermittelt

Wie die Süddeut­sche Zeitung berich­tete, sollen in einem Pflege­heim in Celle mehrere Senio­ren misshan­delt worden sein. Bildauf­nah­men zeigen Patien­ten, die sich teilweise stunden­lang fixiert in ihren Ausschei­dun­gen wundge­le­gen haben. Toilet­ten­gänge wurden von den Pflege­kräf­ten verwei­gert und Wunden unfach­män­nisch versorgt. Die nieder­säch­si­sche Pflege­kam­mer reagierte mit Empörung auf die Vorfälle. Markus Mai, Präsi­dent der Pflege­kam­mer Rhein­land-Pfalz, bezeich­nete die Zustände dort als „Folter“. Das betrof­fene Pflege­heim gehört zur Unter­neh­mens­gruppe Muus, die in der Umgebung mehrere Einrich­tun­gen besitzt. Auch Geschäfts­füh­re­rin Claudia Muus seien die Umstände bekannt. Drei Pflege­kräfte wurden darauf­hin entlas­sen. Gegen alle drei wurde Straf­an­zeige von Muus erstat­tet. Seitdem haben sich nach Angaben von Muus keine derar­ti­gen Missstände mehr ereignet.

Leider seien solche Vorfälle nur schwer zu verhin­dern, so Muus. Nadya Klarmann, Präsi­den­tin der Pflege­kam­mer Nieder­sach­sen, betonte, dass die Kammer­ver­samm­lung mit Hochdruck an Präven­ti­ons­maß­nah­men gegen derar­tige Misshand­lung arbei­ten werde. Klarmann wies auch noch einmal darauf hin, unter welchen Belas­tun­gen Pflege­kräfte täglich ihre Arbeit verrich­ten. Die daraus resul­tie­ren­den und bekann­ten Folgen, Berufs­aus­stiege oder eben Gewalt, müsse man umgehend unter­bin­den. Solche Missstände, wie die in Celle, dürfen nicht weiter vorkom­men. Eine wichtige Rolle bei der Bewäl­ti­gung der Probleme spielen dabei laut Klarmann die Heimauf­sichts­be­hör­den und der Medizi­ni­sche Dienst der Kranken­ver­si­che­rung. Die Begehung von Heimen müsse standard­mä­ßig unter Beglei­tung von Pflege­fach­per­so­nen erfol­gen, um die Patien­ten­si­cher­heit und Pflege­qua­li­tät zu gewäh­ren. Dies geschehe momen­tan noch zu selten. Außer­dem brauche es eine neutrale Anlauf­stelle, die bei der Meldung von Missstän­den zusam­men mit den genann­ten Instan­zen prüft, ob und wo die Pflege­qua­li­tät gefähr­det ist, um anschlie­ßend mit den Einrich­tun­gen nach konstruk­ti­ven Lösun­gen zu suchen.

Quelle: Pflege­be­ru­fe­kam­mer Schles­wig-Holstein, Pflege­kam­mer Nieder­sach­sen, Süddeut­sche, TUM