Patientin bei Heilpraktikerin.
Pati­en­tin bei Heil­prak­ti­ke­rin.Pho­to 66632019 © Arne9001 – Dreamstime.com [Dream­sti­me RF]

Seit dem 7. Mai läuft der Beru­fungs­pro­zess eines Falls, in wel­chem ein fünf­jäh­ri­ger Jun­ge, ver­tre­ten durch sein Vater, gegen eine Heil­prak­ti­ke­rin klagt. Grund: Die Heil­prak­ti­ke­rin soll der krebs­kran­ken Mut­ter des Jun­gen von einer schul­me­di­zi­ni­schen Behand­lung abge­ra­ten haben. Die Mut­ter ver­starb eini­ge Zeit spä­ter an den Fol­gen des Krebs. Der Jun­ge wird vor Gericht durch sei­nen Vater ver­tre­ten, die­ser for­dert nun ein Schmer­zens­geld in Höhe von 170.000 Euro für sein Kind. Das Land­ge­richt Pas­sau hat­te die Kla­ge bereits abge­wie­sen, die Klä­ger gin­gen daher eine Instanz wei­ter zum Ober­lan­des­ge­richt (OLG) Mün­chen.

Hat die Heilpraktikerin der Mutter von einer Strahlentherapie abgeraten?

Laut Klä­ger­sei­te brach die Mut­ter die Strah­len­the­ra­pie auf Rat der Heil­prak­ti­ke­rin nach weni­gen Wochen ab. Statt­des­sen wur­de sie nach Anga­ben des SPIEGEL unter ande­rem mit Prä­pa­ra­ten aus Schlan­gen­gift, sog. Hor­vi-Prä­pa­ra­ten behan­delt. Die Zwei­fel an der schul­me­di­zi­ni­schen Behand­lung und die dar­auf­fol­gen­den alter­na­ti­ven Behand­lun­gen hät­ten mas­si­ve Aus­wir­kun­gen auf den ohne­hin schon geschä­dig­ten Kör­per der Mut­ter gehabt, so die Aus­sa­ge des Anwalts der Klä­ger.

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Die ange­klag­te Heil­prak­ti­ke­rin bestrei­tet die Vor­wür­fe. Bereits bei der Geburt des Jun­gen im April 2015 war die Mut­ter an erkrankt. Der Abbruch der Strah­len­the­ra­pie erfolg­te auf den frei­en Wil­len der Mut­ter. Die Beklag­te behaup­tet, ent­ge­gen der Aus­sa­gen sei­tens der Klä­ger, der Mut­ter sogar emp­foh­len zu haben, die Strah­len­be­hand­lung wie­der auf­zu­neh­men. Der Tod der Mut­ter sei aller­dings ohne­hin nicht zu ver­hin­dern gewe­sen. Die Behand­lung wur­de zudem ab Juni in die Hän­de eines ande­ren Heil­prak­ti­kers über­ge­ben.

Es steht also Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge. Klar ist jedoch: Als abzu­se­hen war, dass sich der Zustand der Mut­ter kon­stant ver­schlech­tert, hät­te man ihr drin­gend zur Strah­len­the­ra­pie raten müs­sen. Ob die­ser Feh­ler nun aber bei der Beklag­ten oder gar beim ab Juni für die Mut­ter zustän­di­gen liegt, sei nach Aus­sa­gen eines sach­ver­stän­di­gen­den Heil­prak­ti­kers vor dem Gericht aller­dings (noch) nicht zu erken­nen.

Der Fall befand sich 2018 bereits in einem straf­recht­li­chen Ver­fah­ren wegen des Ver­dachts auf fahr­läs­si­ge Tötung. Das Ver­fah­ren wur­de von der Staats­an­walt­schaft ein­ge­stellt.

Was dürfen und was nicht?

Unter den Begriff fal­len nach § 1 Abs. 2 des Heil­prak­ti­ker­ge­set­zes alle Tätig­kei­ten „zur Fest­stel­lung, Hei­lung oder Lin­de­rung von Krank­hei­ten, Lei­den oder Kör­per­schä­den bei Men­schen, auch wenn sie im Diens­te von ande­ren aus­ge­übt wird.“ Wer, ohne Arzt zu sein, eine heil­kund­li­che Arbeit aus­üben möch­te, muss sich hier­für die Erlaub­nis ein­ho­len (§ 1 Abs. 1 Heil­prG). Als Heil­prak­ti­ker gel­ten sol­che, die Heil­kun­de bereits beruf­lich aus­ge­übt haben und dies auch wei­ter­hin tun möch­ten. Sie erhal­ten die Erlaub­nis gemäß § 1 Abs. 3 Heil­prG nach Maß­ga­be der Durch­füh­rungs­be­sti­mun­gen. Heil­prak­ti­ker sind mit ihrer Erlaub­nis also berech­tigt, eigen­ver­ant­wort­lich heil­kund­li­che Auf­ga­ben an Pati­en­ten vor­zu­neh­men, obwohl sie nicht als Arzt appro­biert sind.

Trotz­dem gibt es hin­sicht­lich des Tätig­keits­pro­fils bestimm­te Abgren­zun­gen zum Beruf des Arz­tes. So fal­len bei­spiels­wei­se mel­de­pflich­ti­ge Erkran­kun­gen, Geburts­hil­fe, zahn­me­di­zi­ni­sche Behand­lun­gen oder die recht­li­che Fest­stel­lung eines Pati­en­ten­to­des klar in das Auf­ga­ben­feld des Arz­tes. Auch zur Ver­ord­nung von ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Medi­ka­men­ten ist ledig­lich ein Arzt berech­tigt, wes­we­gen Heil­prak­ti­ker häu­fig mit Prä­pa­ra­ten aus der Natur­heil­kun­de arbei­ten. Über­nimmt ein Heil­prak­ti­ker eine die­ser Auf­ga­ben, macht sich die­ser im Scha­dens­fall straf­bar.
Auch zum Auf­ga­ben­feld eines Psy­cho­the­ra­peu­ten gibt es Abgren­zun­gen. So ist es Heil­prak­ti­kern nicht erlaubt, Sozio­the­ra­pien oder Reha-Maß­nah­men zu ver­schrei­ben oder Kran­ken­haus­ein­wei­sun­gen zu ver­ord­nen. Fer­ner ist auch kei­ne Abrech­nung mit den gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen mög­lich.

Unter die Auf­ga­ben, die Heil­prak­ti­ker hin­ge­gen selbst­stän­dig durch­füh­ren dür­fen, fal­len typi­scher­wei­se Blut­ab­nah­men, Blut­ana­ly­sen, Ers­te-Hil­fe Maß­nah­men, Unter­su­chun­gen von Orga­nen und das Set­zen von Sprit­zen, z.B. bei Mus­kel­be­schwer­den. Die Auf­ga­ben müs­sen dabei in einem aner­kann­ten, sta­tio­nä­ren Behand­lungs­raum statt­fin­den, da die Prak­ti­zie­rung von Heil­kun­de beim „Umher­zie­hen“ nach § 3 Heil­prG ver­bo­ten ist.

Kritik an Berufsqualifikation für Heilpraktiker

Häu­fig wird dar­über dis­ku­tiert, ob der Beruf des Heil­prak­ti­kers nicht zu ein­fach zu erlan­gen ist. Zwar müs­sen ange­hen­de Heil­prak­ti­ker in ihrer zwei- bis drei­jäh­ri­gen Aus­bil­dung unter ande­rem eine Prü­fung beim Gesund­heits­amt able­gen und wer­den in die­sem Zeit­raum hin zur Dia­gnos­tik und Behand­lung sämt­li­cher kör­per­li­chen und psy­chi­schen Krank­hei­ten geschult. Die Vor­aus­set­zun­gen, um die Aus­bil­dung antre­ten zu dür­fen, sind jedoch äußerst gering. Bereits ein Haupt­schul­ab­schluss, ein Min­dest­al­ter von 25 Jah­ren und ein straf­frei­es Füh­rungs­zeug­nis berech­ti­gen zur Heil­prak­ti­ker­aus­bil­dung. Da der Heil­prak­ti­ker kein staat­lich gere­gel­ter Aus­bil­dungs­be­ruf ist, gel­ten hier und da abwei­chen­de Rege­lun­gen für den Erwerb der Heil­prak­ti­ker­zu­las­sung.

Der Fall der krebs­kran­ken Mut­ter ist nicht der Ers­te, mit dem sich die Jus­tiz in Ver­bin­dung mit Heil­prak­ti­ker­tä­tig­kei­ten kon­fron­tiert sieht. Heil­prak­ti­ker ste­hen mit ihren zum Teil alter­na­ti­ven Behand­lungs­me­tho­den in der Kri­tik, Krank­hei­ten zum Teil nicht zu erken­nen und damit die Pati­en­ten zu gefähr­den. Der FOCUS berich­te­te im Febru­ar über die Ent­rüs­tung eines Arz­tes, der einer Pati­en­tin mit einem sog. „kal­ten Kno­ten“ in der Schild­drü­se eine OP anord­ne­te. Drei Mona­te spä­ter hat­te sich der Zustand der Schild­drü­se und auch der Lymph­kon­ten wei­ter ver­schlech­tert. Die Frau hat­te sich auf Anwei­sung eines Heil­prak­ti­kers kei­ner OP unter­zo­gen. Die Ursa­che des Kno­tens sei ledig­lich auf die geis­ti­ge Ein­stel­lung der Pati­en­tin zurück­zu­füh­ren. Sei­ner Wut ließ der Arzt damals auf Twit­ter frei­en Lauf.

Den­noch suchen vie­le Men­schen nach wie vor Heil­prak­ti­ker auf. Im Zuge der Kla­ge des fünf­jäh­ri­gen Jun­gen wol­le sich die Poli­tik dem­nächst mit der The­ma­tik befas­sen und das Behand­lungs­spek­trum der Heil­prak­ti­ker hin­rei­chend prü­fen, wie der SPIEGEL berich­tet. Die Kla­ge des fünf­jäh­ri­gen Jun­gen sei in die­sem Zusam­men­hang noch nicht weit genug auf­ge­klärt, um anhand des­sen über die Zukunft der Heil­prak­ti­ker­tä­tig­kei­ten zu urtei­len.