Plenum des JHC 2016.
Blick in das Plenum des gut besuch­ten JHC 2016.Bild: Stefan Kuhn

Das ein Perspek­tiv­wech­sel recht eindrucks­voll ablau­fen kann, zeigte sich bereits in der Begrü­ßungs­rede des JHC-Initia­tors: Prof. Dr. Volker Großkopf von der Katho­li­schen Hochschule NRW vollzog auf der Bühne gleich drei einfa­che Übungen, anhand derer eine mögli­che Sturz­ge­fähr­dung bei einem Betrof­fe­nen feststell­bar ist, und forderte die Teilneh­me­rin­nen und Teilneh­mer im tradi­tio­nel­len Sartory-Saal zu Köln auf, es ihm gleich zu tun.

Den Anfang der Vortrags­red­ner machte Prof. Dr. Gabriele Meyer von der Martin-Luther-Univer­si­tät Halle-Witten­berg mit der provo­kan­ten Frage­stel­lung „Ist der Exper­ten­stan­dard Sturz­pro­phy­laxe in der Pflege der Weisheit letzter Schluss?“ Meyer, die selbst an der Erstver­öf­fent­li­chung dessel­bi­gen (2006) mitge­wirkt hatte, antwor­tete hierauf mit einem klaren „Nein“. Sie kriti­sierte unter anderem, dass der Exper­ten­stan­dard inter­na­tio­nal anerkannte, wissen­schaft­li­che Quali­täts­kri­te­rien weitge­hend unberück­sich­tigt lässt. Ebenso bemän­gelte sie die monopro­fes­sio­nelle Ausge­stal­tung des Standards für ein Thema, welches eine inter­dis­zi­pli­näre Heran­ge­hens­weise benötigt. Auch wären bei vielen der im Standard aufge­führ­ten Inter­ven­tio­nen die Empfeh­lungs­stärke nicht ersicht­lich. „Für Stopper­so­cken gibt es noch keine Evidenz“, ergänzte Prof. Meyer.

Eine gute Sturz­prä­ven­tion hat aber nicht nur den medizin- und pflege­fach­li­chen Standards zu genügen, sondern soll auch das Recht auf Freiheit und Selbst­be­stim­mung des Sturz­ge­fähr­de­ten achten. Das hieraus resul­tie­rende Spannungs­feld thema­ti­sierte der auf das Betreu­ungs­recht spezia­li­sierte Kölner Rechts­an­walt Hubert Klein. In seinem Vortrag ging er insbe­son­dere auf die Proble­ma­tik von Freiheits­ent­zie­hen­den Maßnah­men (FEM) ein. In diesem Zusam­men­hang warb er für eine konse­quente Umset­zung des „Werden­fel­ser Wegs“, einer Verfah­rens­weise zur Reduzie­rung von Patien­ten- und Bewohnerfixierungen.

Im Anschluss wurde das Thema „Sturz“ aus der medizi­ni­schen Sicht beleuch­tet: PD Dr. Helmut Frohn­ho­fen, Direk­tor des Essener Zentrums für Alters­me­di­zin, stellte zunächst die im Alter relevan­ten Sturz­ri­si­ko­fak­to­ren vor. Unter diesen sticht die zuneh­mende Schwä­chung der Musku­la­tur beson­ders hervor. Daraus folgend empfiehlt Frohn­ho­fen ein Präven­ti­ons- bzw. Behand­lungs­kon­zept, das unter anderem die Durch­füh­rung von Kraft‑, Balance- und Gangtrai­nings beinhal­tet. Auch Studien konnten den den positi­ven Effekt von körper­li­chem Training im höheren Lebens­al­ter auf die Sturz­ge­fähr­dung aufzeigen.

Michael Isfort auf dem JHC 2016
Prof. Dr. Isfort: „Im Grunde können Sie derzeit alles zum Thema Perso­nal­an­wer­bung verges­sen.„Bild: Stefan Kuhn

Nach der Mittags­pause gab Prof. Dr. Michael Isfort, Pflege­wis­sen­schaft­ler und Versor­gung­for­scher an der Katho­li­schen Hochschule NRW sowie Stell­ver­tre­ten­der Geschäfts­füh­rer des Deutschen Insti­tuts für angewandte Pflege­for­schung e.V. (dip), einen Überblick über die Perso­nal­si­tua­tion in der Pflege. Neueste Zahlen des dip machen deutlich: Der Pflege­per­so­nal­markt ist bundes­weit leerge­fegt! „Im Grunde können Sie derzeit alles zum Thema Perso­nal­an­wer­bung verges­sen. Es gibt schlicht­weg einfach kein Perso­nal zum anwer­ben,“ so Isfort. Abhilfe aus dem Ausland sei auch nicht zu erwar­ten. Denn: „Deutsch­land ist kein Pflege-Einwan­de­rungs­land, sondern ein Transitland.“

Pflege­po­li­tisch blieb es auch beim letzten Vortrag: Der CDU-Bundes­tags­ab­ge­ord­nete und zugleich Mitglied im Gesund­heits­aus­schuss, Erwin Rüddel, stellte die gegen­wär­ti­gen und zukünf­ti­gen Entwick­lun­gen im Gesund­heits­we­sen vor. Kernpunkte seines Vortra­ges waren unter anderem die durch das zweite Pflege­stär­kungs­ge­setz (PSG II) vorge­nom­me­nen Rechts­än­de­run­gen (zum Beispiel neuer Pflege-TÜV), die Entbü­ro­kra­ti­sie­rung und das anste­hende dritte Pflegestärkungsgesetz.

Erwin Rüddel
Der Bundes­tags­ab­ge­ord­nete Erwin Rüddel (CDU) gab einen gesund­heits­po­li­ti­schen Überblick.Bild: Stefan Kuhn

Beglei­tend zum Haupt­pro­gramm des JHC 2016, der fand im gegen­über­lie­gen­den Oster­mann-Saal auch ein, vom bekann­ten Herfor­der Pflege­bet­ten­her­stel­ler Stiegel­meyer ausge­rich­te­tes, Satel­li­ten­sym­po­sium mit drei Vorträ­gen zum Thema „Sturz“ statt: Der freie Pflege­be­ra­ter Siegfried Huhn stellte das Sturz­as­sess­ment als Grund­vor­aus­set­zung einer zielfüh­ren­den Sturz­pro­phy­laxe vor. Demge­gen­über ging Prof. Dr. Volker Großkopf in seinem Vortrag auf das Selbst­be­stim­mungs­recht im Zusam­men­hang mit Sturz ein, während der Rechts­an­walt und Versi­che­rungs­ex­perte Stefan Knoch die Haftungs­si­tua­tion der Pflege­ein­rich­tun­gen darlegte. Daneben erwar­tete die Teilneh­me­rin­nen und Teilneh­mer eine Fachaus­stel­lung der Gesundheitsindustrie.

Der JuraHe­alth Congress beleuch­tet regel­mä­ßig aktuelle Themen im Spannungs­feld zwischen Medizin, Pflege und Recht. Der 10. JuraHe­alth Congress 2017 wird am 18. Mai kommen­den Jahres erneut in den Kölner Sartory-Sälen statt­fin­den und dann unter dem Motto „Pflege­kol­laps oder Beschäf­ti­gungs­mo­tor? Demogra­fie ist kein Schick­sal“ stehen.